Orang-Utans lassen sich von guter Stimmung anstecken – und wählen ihre Nahrung danach aus

Gute Laune beeinflusst offenbar nicht nur Menschen, sondern auch Orang-Utans. Wie eine neue Studie zeigt, bevorzugen die Menschenaffen bestimmtes Futter, wenn sie zuvor Geräusche spielender und lachender Artgenossen gehört haben.

Orang-Utans greifen lieber zu Nahrungsmitteln, bei denen sie positive soziale Signale wahrnehmen, etwa von lachenden oder spielenden Artgenossen. Bild: Danielle Barnes/Unsplash
Orang-Utans greifen lieber zu Nahrungsmitteln, bei denen sie positive soziale Signale wahrnehmen, etwa von lachenden oder spielenden Artgenossen. Bild: Danielle Barnes/Unsplash

Orang-Utans richten ihre Futterwahl offenbar danach aus, ob andere Spaß zu haben scheinen. Das geht aus einer neuen Studie hervor. Wissenschaftler der Indiana University (IU) haben Orang-Utans in Gefangenschaft untersucht und dabei festgestellt, dass die Menschenaffen eher zum Essen greifen, wenn sie das Lachen ihrer Artgenossen hören.

Ob ein Erlebnis positiv bewertet wird, hängt offenbar auch davon ab, in welcher emotionalen Verfassung sich ein Lebewesen befindet. Wie Orang-Utans Futter bewerten, wird demnach stark durch positive soziale Signale beeinflusst, und wahrscheinlich durch damit verbundene positive Erfahrungen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Biology Letters veröffentlicht.

Emotionen wirken über den Moment hinaus

Das Forschungsteam untersuchte sechs Orang-Utans aus zwei zoologischen Einrichtungen. Zunächst lernten die Tiere, in Schalen Futterstücke zu finden, die unter Materialien wie Moos oder Sägespänen verborgen waren. Anschließend wurden vor der Präsentation der Schalen Tonaufnahmen abgespielt, entweder spielender, lachender Artgenossen oder neutrale Umgebungsgeräusche. Die Geräusche waren jeweils einem bestimmten Abdeckmaterial zugeordnet.

In einer späteren Testphase enthielten beide Schalen eine Belohnung, die unter einem der zuvor verwendeten Materialien verborgen lag. Da beide Optionen Futter enthielten, ließ sich untersuchen, ob die Tiere eine bestimmte Wahl aufgrund ihrer Lernerfahrung bevorzugten.

Die IU-Doktorandin Emma Nelson (im Bild) führte im Zoo von Indianapolis einen Teil der Lachforschung an einem der Orang-Utans durch. Bild: Zoo von Indianapolis
Die IU-Doktorandin Emma Nelson (im Bild) führte im Zoo von Indianapolis einen Teil der Lachforschung an einem der Orang-Utans durch. Bild: Zoo von Indianapolis

Insgesamt wählten die Orang-Utans häufiger das Material, das sie zuvor mit den Lautäußerungen spielender Artgenossen gehört hatten. Vier der sechs Tiere zeigten eine klare Präferenz. Die Forscher schließen daraus, dass positive soziale Signale den emotionalen Zustand während des Lernens verändern, und dadurch auch, wie gleichwertige Belohnungen später bewertet werden.

Erica Cartmill, Professorin für Anthropologie und Kognitionswissenschaft an der IU und leitende Autorin der Studie, erklärt: „Eines unserer großen Motive ist es, auf der Forschung am Menschen aufzubauen, die zeigt, dass Emotionen wichtige Auswirkungen auf rationales Denken haben – und dass beide keine getrennten Bereiche sind, sondern sich gegenseitig beeinflussen.“ Dieses Zusammenspiel wollten die Wissenschaftler auch bei Tieren untersuchen.

Der Primatologe und Evolutionspsychologe Dr. Adriano Lameira von der University of Warwick, der nicht an der Studie beteiligt war, bezeichnete die Ergebnisse ebenfalls als faszinierend. „Wenn Orang-Utans hören, dass andere offensichtlich Spaß haben, geben sie praktisch ihre Essensbestellung auf: ‚Ich nehme bitte das, was die anderen haben!‘“

Auch für Menschen relevant

Die Tests legen nahe, dass nicht nur die Belohnungen bestimmen, wie stark eine Erfahrung bewertet wird. Auch die emotionale Verfassung im Lernmoment kann prägen, wie wichtig eine Erfahrung später wird, und zwar für Menschen und Tiere. Die Forscher hoffen, dadurch emotionale Verzerrungen im Denken besser zu verstehen.

Cartmill zufolge könnten die Erkenntnisse sogar für Schulen von Bedeutung sein. „Schüler lernen möglicherweise ähnlich schnell, unabhängig davon, ob sie gut oder schlecht gelaunt sind.“ Die Forschung lege jedoch nahe, dass Schüler Informationen höher bewerten, wenn sie in guter Stimmung lernen. Angst beim Mathematiklernen könne beispielsweise beeinflussen, ob jemand das Fach später anderen vorziehe.

Die Studie zeigt, dass soziale Signale und Emotionen über den unmittelbaren Moment hinaus beeinflussen, wie sich Orang-Utans entscheiden. Ob sich die Ergebnisse wirklich so problemlos auf die menschliche Bildung übertragen lassen, muss erst noch untersucht werden.

Artikelreferenz

Laméris, D. W., Allen, C., Lyn, H., Martin, C. F., et al. (2026). Play vocalizations induce affective bias in reward learning and memory in orangutans. Biology Letters.