Kleine Eiszeit: Warum Europa Jahrhunderte lang fror
Zugefrorene Flüsse, vorrückende Gletscher und Missernten prägten Europa vom 14. bis ins 19. Jahrhundert. Forscher diskutieren bis heute, welche Rolle schwache Sonnenaktivität, Vulkanausbrüche und veränderte Meeresströmungen bei dieser kühlen Epoche jeweils spielten.

Im Winter 1683/84 fror die Themse in London so dick zu, dass Marktstände, Kutschen und sogar ein gebratener Ochse auf dem Eis Platz fanden. Solche „Frost Fairs" waren keine Ausnahme.
Zwischen etwa dem 14. und dem 19. Jahrhundert erlebte vor allem der Nordatlantikraum wiederkehrende, teils jahrzehntelange Kälteperioden, die als Kleine Eiszeit in die Geschichte eingingen.
Wann genau war die Kleine Eiszeit?
Einen exakten Start- und Endpunkt gibt es nicht. Der Klimaforscher Heinz Wanner und Koautoren datieren sie auf etwa 1300 bis 1800, weisen aber darauf hin, dass viele Studien stattdessen vom 14. bis 19. Jahrhundert sprechen. Eine Auswertung von Eisbohrkernen und Vulkanablagerungen aus der Arktis setzt den abrupten Beginn sogar schon zwischen 1275 und 1300 an.
Auch der Weltklimarat (IPCC) verwendet den Begriff in seinem sechsten Sachstandsbericht bewusst nicht als feste Zeitmarke, weil die Kälteperiode regional zu unterschiedlichen Zeiten einsetzte und endete. Am kältesten war es Rekonstruktionen zufolge zwischen 1400 und 1700, mit dem stärksten Rückgang über den außertropischen Landmassen der Nordhalbkugel.
Sonne, Vulkane und Ozeanströmungen
Als Ursachen gelten mehrere Faktoren, deren genaues Zusammenspiel Forscher noch diskutieren.
Die Sonne war in dieser Zeit gleich dreimal ungewöhnlich schwach aktiv: im Spörer-Minimum (15. bis 16. Jahrhundert), im Maunder-Minimum (1645 bis 1715, fast ohne Sonnenflecken) und im Dalton-Minimum (um 1800).
Größeres Gewicht legen mehrere Arbeiten auf Vulkanausbrüche, etwa eine Serie schwefelreicher Eruptionen zwischen 1275 und 1455. Der stärkste Ausbruch dieser Serie wird meist auf 1452/53 datiert und wurde lange dem Vulkan Kuwae in Vanuatu zugeschrieben, neuere Untersuchungen stellen das jedoch infrage, der genaue Vulkan gilt wieder als ungeklärt.
Ein anschauliches Beispiel für den Einfluss des Vulkanismus auf das Klima ist zudem der Tambora-Vulkanausbruch, der im April 1815 während des Dalton-Minimums ausbrach und 1816 das „Jahr ohne Sommer" auslöste.
Die feinen Schwefelpartikel dieser mittelalterlichen Eruptionsserie blockierten Sonnenlicht und ließen arktisches Meereis wachsen. Das nach Süden abtreibende Eis brachte in der Grönlandsee und im subpolaren Nordatlantik viel Süßwasser ein und schwächte die Tiefenwasserbildung, die die atlantische Umwälzzirkulation (AMOC) antreibt.
Zu ihr gehört auch der Golfstrom, der normalerweise Wärme nach Europa transportiert. Die Abkühlung hielt dadurch nach Ansicht der Forscher über Jahrhunderte an, weit länger als die vulkanischen Schwefelpartikel selbst in der Atmosphäre blieben.
Zusätzlich verschoben sich offenbar großräumige Windmuster über dem Nordatlantik. Die Forschung ist sich einig, dass kein einzelner Mechanismus die Kleine Eiszeit für sich allein erklärt.
Zugefrorene Flüsse und Hungersnöte
Für die Menschen in Europa hatte die Kälte handfeste Folgen. Auf der zugefrorenen Themse wurden zwischen 1608 und 1814 wiederholt mehrtägige bis mehrwöchige Frost Fairs mit Ständen, Musik und Spielen abgehalten, die letzte im Jahr 1814.
Noch gravierender wirkte sich das Klima auf die Landwirtschaft aus. Die Große Hungersnot von 1315 bis 1317, eine der schwersten Hungerkatastrophen im mittelalterlichen Europa, wurde zwei unabhängigen Studien zufolge nicht durch Kälte, sondern durch anhaltend nasse und verregnete Erntejahre ausgelöst, die zu den feuchtesten seit dem Jahr 1300 zählten.
Die Weizenpreise in England verachtfachten sich dadurch innerhalb weniger Jahre. Die Hungersnot fiel in die Übergangszeit von der mittelalterlichen Warmphase zur beginnenden Kleinen Eiszeit.
Kein Beleg gegen den heutigen Klimawandel
In der öffentlichen Debatte dient die Kleine Eiszeit gelegentlich als Argument, wonach sich das Klima schon immer von selbst verändert habe. Sie war jedoch vor allem im Nordatlantikraum und in Europa ausgeprägt und ging auf ein Zusammenspiel aus Sonnenschwäche, Vulkanausbrüchen und veränderten Ozeanströmungen zurück.
Die heutige Erwärmung dagegen ist global und lässt sich laut IPCC eindeutig auf den menschengemachten Anstieg von Treibhausgasen zurückführen. Der Bericht stellt mit hoher Konfidenz fest, dass sich die globale Mitteltemperatur in den vergangenen 50 Jahren schneller erwärmt hat als in mindestens 2.000 Jahren zuvor.
Zwei Klimaveränderungen mit demselben Namen für „kalt" oder „warm" beruhen also nicht automatisch auf denselben Ursachen.
Artikelreferenz
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