Die nächste Eiszeit hatte vielleicht schon begonnen – dann stoppte sie der Mensch
Die Erde könnte bereits in einer neuen Eiszeit gewesen sein. Doch die menschengemachte Erderwärmung hat das offenbar unterbrochen. Eine neue Studie konnte dafür nun überraschende Belege finden.

Seit Jahrmillionen wechseln sich auf der Erde Warm- und Kaltzeiten ab. Während einer Vereisungsphase breiten sich gewaltige Eisschilde aus, die in wärmeren Zeiten wieder zurückgehen. Seit rund 11.700 Jahren befindet sich die Erde im Holozän, einer vergleichsweise warmen Phase. Doch womöglich hatte die nächste Kaltzeit längst begonnen, aber der Mensch stoppte sie wieder – durch den Ausstoß von Treibhausgasen.
Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie, die im Fachjournal Science veröffentlicht wurde. Demnach fing vor etwa 2000 Jahren ein gewaltiger Eisschild in Nordamerika an, sich wieder auszudehnen. In den 1960er-Jahren kehrte sich die Entwicklung jedoch um. Die Forschenden sehen die Ursache im menschengemachten Klimawandel.
Pflanzenreste deuten auf beginnende Eiszeit hin
Untersucht wurde die Barnes-Eiskappe auf der kanadischen Baffininsel. Die heute rund 5700 Quadratkilometer große Eismasse ist der letzte Überrest des Laurentidischen Eisschildes, der während der vergangenen Eiszeit (90.000 bis 20.000 v. Chr.) weite Teile Nordamerikas bedeckte.

Das Forscherteam um den Geochemiker Dr. Nicolás Young von der Columbia University rekonstruierte den Hergang an konservierten Pflanzenresten. Insgesamt wurden 88 Proben von Moosen und strauchigen Pflanzen untersucht, die einst auf eisfreien Flächen wuchsen und später vom vorrückenden Gletscher eingeschlossen wurden.
Mit der Radiokarbondatierung bestimmten sie das Alter der Überreste. Ergänzende Messungen des Isotops Beryllium-10 in Gesteinen ließen zudem darauf schließen, wie lange bestimmte Flächen eisfrei gewesen waren. Dabei kam heraus, dass nach einem kontinuierlichen Rückgang die Eiskappe vor etwa 3600 Jahren ihre geringste Ausdehnung erreichte. Rund 1600 Jahre später begann sie wieder zu wachsen – also vor 2000 Jahren.
Menschliche Emissionen ändern Klimazyklus
Bis ungefähr 1960 setzte sich diese Entwicklung fort. Dann begann das Eis erneut zu schrumpfen. Verantwortlich dafür waren die steigenden Sommertemperaturen infolge der menschengemachten Treibhausgasemissionen, denken die Forschenden. Dadurch schmilzt inzwischen mehr Eis, als sich während der Wintermonate neu bilden kann.

„Es hatte gerade erst begonnen, alles war normal, die nächste Eiszeit stand kurz bevor – und doch kam sie zum Stillstand“, sagt Young. Das Geschehen verdeutliche, wie stark der Mensch inzwischen in das Erdsystem eingreife.
Normalerweise beeinflussen sogenannte Milanković-Zyklen den Wechsel zwischen Warm- und Kaltzeiten. Veränderungen der Erdbahn und der Neigung der Erdachse wirken sich darauf aus, wie die Sonneneinstrahlung verteilt wird. Über klimatische Rückkopplungen können daraus langfristig Eisschilde wachsen. Hohe Treibhausgaskonzentrationen können jedoch die natürliche Abkühlung überlagern.
Ist die nächste Eiszeit ausgefallen?
Die Studienergebnisse stellen bisherige Berechnungen infrage. Denen zufolge hätte nämlich die nächste natürliche Kaltzeit frühestens in einigen Zehntausend Jahren eingesetzt. Allerdings ist auch nicht klar, ob eine einzelne Eiskappe ausreicht, um den Beginn einer Eiszeit festzumachen. Wissenschaftler halten deshalb Untersuchungen an weiteren Orten für notwendig.
Unabhängig davon droht der untersuchten Eiskappe das Ende: Innerhalb der kommenden Jahrhunderte könnte sie vollständig verschwinden. „Das sind die allerletzten Überreste des Laurentidischen Eisschildes, die für immer verschwinden“, sagt Young. Damit ginge ein einzigartiges Zeugnis der vergangenen Eiszeiten verloren.
Artikelreferenz
Young, N. E., et al. (2026). Late Holocene reexpansion of the Laurentide Ice Sheet. Science.