Polarwirbel vor Rekord-Kollaps, El Niño so stark wie nie: Für diesen Winter fehlt den Prognosen jede Erfahrung

In 30 Kilometern Höhe brechen die Winde ein, im Pazifik kocht das Wasser wie nie. Mild, Schnee oder Eiseskälte: Warum die Langfristmodelle an ihre Grenzen stoßen.

Kommt so der Schnee zurück? Der Polarwirbel gerät so früh wie nie ins Wanken, doch ob Deutschland diesen Winter wirklich wieder die Schneefräsen anwerfen muss, weiß derzeit noch niemand.
Kommt so der Schnee zurück? Der Polarwirbel gerät so früh wie nie ins Wanken, doch ob Deutschland diesen Winter wirklich wieder die Schneefräsen anwerfen muss, weiß derzeit noch niemand.

Über der Arktis bahnt sich gerade etwas an, das es seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1959 noch nicht gegeben hat. Dem Polarwirbel droht ein Rekord-Kollaps, und das schon Anfang November. In rund 30 Kilometern Höhe sind die Winde fast zum Erliegen gekommen, die Modelle sehen dort Temperaturen von mehr als 27 Grad über dem Normalwert.

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Gleichzeitig läuft im Pazifik ein Rekord-El-Niño, der alles Bisherige übertreffen dürfte. Beides zusammen hat noch niemand erlebt, und genau da liegt das Problem. Für diese Kombination gibt es keine Vorlage. Was sie für Winter und Schnee in Deutschland bedeutet, ist deshalb so offen wie selten.

Polarwirbel bricht ein: Drei Wochen früher als je zuvor

Der Polarwirbel ist der riesige Kaltluftwirbel hoch über der Arktis, der im Winter die eisige Luft im Norden hält. Normalerweise baut er sich im November gerade erst richtig auf. Diesmal rechnen sämtliche Läufe des europäischen und des amerikanischen Ensembles mit einer Windumkehr, also mit Ost- statt Westwind in der Stratosphäre. Tritt sie ein, wäre das die früheste Stratosphärenerwärmung der Messreihe, rund drei Wochen vor dem bisherigen Rekord Ende November.

Trotzdem ist beim Wort Kollaps Vorsicht angebracht. Der Wirbel ist um diese Jahreszeit noch jung und dürfte sich bis Mitte November wieder fangen. Eine so frühe Störung wirkt anders als ein Einbruch im Januar. Eine direkte Kältewelle lässt sich daraus für die nächsten zwei bis drei Wochen nicht ableiten, Folgen am Boden zeigen sich wenn überhaupt erst Wochen später.

Mega-El-Niño: Werte, die es seit 1950 nicht gab

Im entscheidenden Messgebiet im Pazifik lag die Abweichung Mitte Oktober bereits bei plus 3,3 Grad. Für November bis Januar erwarten die Modelle im Mittel rund plus 3,8 Grad, der Höhepunkt dürfte um den Dezember erreicht werden. Der bisherige Spitzenreiter 2015/16 kam auf etwa 2,6 Grad.

Das erklärt, warum Meteorologen gerade so nervös auf ihre Karten schauen. Sämtliche Erfahrungswerte stammen aus deutlich schwächeren Ereignissen. Wie die Atmosphäre auf einen Pazifik reagiert, der mehr als ein Grad über allen bisherigen Spitzenwerten liegt, weiß derzeit niemand.

Rechnen die Langfristmodelle hier überhaupt richtig?

Grundsätzlich stecken El Niño und Polarwirbel in den Langfristmodellen drin, denn die rechnen Ozean und Stratosphäre mit. Die Schwächen sitzen im Detail. Eine plötzliche Stratosphärenerwärmung lässt sich nur rund zehn Tage im Voraus erkennen. Außerdem überschätzen die europäischen Saisonmodelle die Reaktion der Stratosphäre auf El Niño, viele Kopplungsprozesse sind zu schwach, die Übertragung von der unteren Stratosphäre zum Boden dagegen zu stark.

Das beste Beispiel liefern die Modelle gerade selbst. Noch im September zeigten sie einen starken Polarwirbel zum Winterstart und eine Schwächung erst im Hochwinter, der Einbruch Anfang November tauchte erst Ende Oktober auf. Dazu kommt: Modelle werden an der Vergangenheit geprüft, und bei einem Ereignis ohne Vorbild fehlt dieser Prüfstand. Europa gilt ohnehin als schwierigste Region für Saisonprognosen. Die aktuellen Mildsignale sind deshalb mit genauso viel Vorsicht zu lesen wie jede Kälteschlagzeile.

Mild oder Eiswinter: Die Geschichte gibt beide Antworten

Auf den ersten Blick spricht vieles für einen milden Winter. Die Langfristdaten vom Oktober zeigen ihn für Europa, und die Westphase der QBO, der Windschwingung über den Tropen, stützt den Polarwirbel eher. Die beiden letzten Super-El-Niños verliefen zudem ohne großen Wirbelkollaps im Hochwinter. 1997/98 blieb mild, 2015/16 kam mit 3,6 Grad im Mittel unter die vier wärmsten Winter seit 1881 und brachte den wärmsten Dezember der Messreihe.

Der Pazifik im Ausnahmezustand: Mit erwarteten plus 3,8 Grad würde der aktuelle El Niño alle bisherigen Rekorde pulverisieren und die Wettermodelle auf unbekanntes Terrain schicken.
Der Pazifik im Ausnahmezustand: Mit erwarteten plus 3,8 Grad würde der aktuelle El Niño alle bisherigen Rekorde pulverisieren und die Wettermodelle auf unbekanntes Terrain schicken.

Dagegen steht die Mechanik. In El-Niño-Wintern treten Stratosphärenerwärmungen häufiger auf, auch im Super-El-Niño-Winter 1972/73 brach der Wirbel Ende Januar ein. Nach starken Störungen steigt in rund zwei Dritteln der Fälle das Risiko für Kaltluftausbrüche nach Europa deutlich. Modellstudien zu frühen Störungen deuten für den Dezember auf mehr Kälte und Schnee in Teilen Europas hin, El Niño kann dieses Signal aber dämpfen. Wie schnell es kippen kann, zeigte der El-Niño-Winter 2009/10 mit wochenlangem Schnee und minus 24,3 Grad in Bad Muskau.

Was jetzt für den Winter entscheidend ist

Eine seriöse Aussage zu Schnee an Weihnachten ist heute nicht möglich. Wer jetzt einen Jahrhundertwinter oder einen Totalausfall ausruft, rät. Am wahrscheinlichsten bleibt ein milder, wechselhafter Grundton, auch weil der Klimawandel in diese Richtung schiebt. Die Spannweite ist in diesem Jahr aber ungewöhnlich groß, und längere Kältephasen sind ausdrücklich drin.

Drei Etappen entscheiden. Mitte November zeigt sich, wie schnell sich der Wirbel erholt. Um den Dezember erreicht El Niño seinen Höhepunkt. Für den Januar deuten die Langfristdaten auf eine weitere, womöglich stärkere Störung hin, und die fiele genau in die Zeit, in der ein Einbruch am Boden richtig Wucht entfalten kann. Für die Modelle wird dieser Winter zum Härtetest, für alle, die Prognosen machen, ebenso.