Polarwirbel bricht so früh ein wie nie seit 1959 – jetzt könnte die ganze Winterprognose kippen
Über der Arktis passiert gerade etwas, das es seit Beginn der Messungen nicht gegeben hat. Der Polarwirbel taumelt drei Wochen zu früh. Für den Winter ist plötzlich alles offen.

Wer in diesen Tagen auf die Karten der Stratosphäre schaut, reibt sich die Augen. In rund 30 Kilometern Höhe über dem Nordpol sollten jetzt eigentlich kräftige Westwinde immer schneller um die Arktis kreisen. Stattdessen ist dort oben fast Flaute eingekehrt, und die Luft ist teils mehr als 25 Grad wärmer als normal.
Praktisch alle Rechenläufe des europäischen Wettermodells sehen bis spätestens Mitte November eine komplette Windumkehr, also Ostwind statt Westwind. Damit wäre es die früheste große Stratosphärenerwärmung seit Beginn der Messreihe 1959. Der bisherige Rekord liegt beim 28. November. Diese Marke würde jetzt um gut drei Wochen unterboten.
Warum dieser Polarwirbel völlig aus der Reihe tanzt
Im Herbst ist der Polarwirbel normalerweise noch ein Jungspund. Er baut sich ab Oktober auf, wenn die Polarnacht beginnt und die Arktis auskühlt. Seine volle Kraft erreicht er meist erst im Dezember und Januar. Große Störungen kommen deshalb typischerweise im Hochwinter, wenn von unten aufsteigende Wellen den ausgewachsenen Wirbel aus dem Takt bringen.

Diesmal läuft es genau andersherum. Der Wirbel wird schon im Aufbau regelrecht durchgeschüttelt, zeitweise sah es so aus, als würde er in zwei Teile zerreißen. So etwas Anfang November ist absolutes Neuland. Es gibt schlicht keine Vergleichsjahre, an denen man sich festhalten könnte, und das macht die Sache so knifflig.
Super-El-Niño gegen Polarwirbel: Zwei Riesen ringen um unseren Winter
Dazu kommt, dass im Pazifik gleichzeitig ein Super-El-Niño von Rekordformat tobt. Ein so starker El Niño stabilisiert den Polarwirbel zum Winterstart normalerweise eher. Dass der Wirbel trotzdem jetzt einknickt, passt eigentlich überhaupt nicht ins Lehrbuch.
Genau hier liegt das Problem für jede Prognose. Beide Kräfte ziehen in unterschiedliche Richtungen. El Niño spricht eher für einen milden, nassen Westwetter-Winter in Mitteleuropa. Ein gestörter Polarwirbel öffnet dagegen die Tür für Kaltluftvorstöße aus Norden und Nordosten. Wer sich am Ende durchsetzt, kann heute niemand seriös sagen.
Langfristmodelle bleiben bei mild – aber wie lange noch?
Die großen Langfristmodelle haben sich in den vergangenen Wochen auf einen eher milden Winter festgelegt, vor allem für Dezember und Januar. Daran hat sich bislang erstaunlich wenig geändert. Das liegt auch daran, dass sie Ozeantemperaturen und Klimatrend sehr stark gewichten.
Eine plötzliche Stratosphärenerwärmung lässt sich aber nur rund zehn Tage im Voraus halbwegs sicher erkennen. So ein frühes Ereignis hatten die Saisonmodelle also gar nicht auf dem Schirm. Gut möglich, dass die nächsten Updates Ende November ganz anders aussehen. Rekord-El-Niño plus Rekord-Störung ist für die Rechner ein echter Blindflug.
Ab wann es bei uns spürbar werden könnte
Ganz wichtig: Was oben in der Stratosphäre passiert, kommt nicht sofort bei uns am Boden an. Meist vergehen zehn bis 20 Tage, manchmal auch mehrere Wochen, bis sich die Störung nach unten durchgearbeitet hat. Der erste Schnee in den Alpen hatte damit also noch nichts zu tun.
Das Zeitfenster, auf das jetzt alle schauen, beginnt deshalb Ende November und reicht bis weit in den Dezember. Nach etwa zwei Dritteln der starken Polarwirbel-Störungen wurde es in Europa anschließend deutlich winterlicher. Beim Rest ging die Kälte allerdings glatt an uns vorbei und floss nach Nordamerika oder Sibirien ab.
Eiswinter oder Schmuddelwetter: Dieser Winter wird zum Krimi
Unterm Strich ist dieser Herbst so spannend wie lange nicht. Der Polarwirbel setzt die arktische Kälte frei, aber er entscheidet nicht, wohin sie fließt. Das passiert weiter unten in der Troposphäre, dort, wo unser Wetter gemacht wird. Ein Hoch über Skandinavien kann die Kälte zu uns schaufeln, ein stürmischer Atlantik kann sie genauso gut blockieren.
Für Sie heißt das: Die Winterprognosen sind längst nicht in Stein gemeißelt. Ein milder Dezember ist genauso drin wie eine frostige Vorweihnachtszeit mit Schnee bis ins Flachland. Die nächsten zwei bis drei Wochen zeigen, ob der Rekord-Polarwirbel nur ein Strohfeuer war oder ob er den ganzen Winter 2026/27 auf den Kopf stellt. Anstrengend ist das, aber ehrlich gesagt auch verdammt spannend.