Polarwirbel-Beben über der Arktis: “Eiswinter wie in den 60ern!” Was jetzt auf Deutschland zukommt

Dauerfrost, Schneemassen, zugefrorene Seen: Im Netz wird schon der Jahrhundertwinter ausgerufen. Der Polarwirbel soll schuld sein. Doch die neuesten Daten erzählen eine ganz andere Geschichte.
Die ersten Frostnächte sind kaum vorbei, da kocht im Netz schon die Gerüchteküche über. Auf Wetterblogs und in den sozialen Netzwerken ist von einem Eiswinter die Rede, wie ihn Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hat.
Dauerfrost über Wochen, meterhohe Schneewehen, zugefrorene Flüsse: ein Winter wie in den 60er- oder 80er-Jahren. Als Auslöser gilt ein Phänomen, das jedes Jahr pünktlich zum Herbst die Gemüter erhitzt, der Polarwirbel.
Was hinter dem Polarwirbel-Hype steckt
Der Polarwirbel ist ein gewaltiges Band aus Westwinden, das im Winter in rund 30 Kilometern Höhe über der Arktis kreist und die eisige Polarluft wie in einem Käfig festhält.

Gerät dieser Wirbel ins Taumeln, etwa durch eine plötzliche Stratosphärenerwärmung, kann die Kälte nach Süden ausbrechen. Genau so ein Szenario wird derzeit herbeigeschrieben: Der Wirbel soll sich Richtung Europa verlagern, die Winde könnten über Eurasien drehen. Und dann, so die Hoffnung der Winterfans, kommt der große Frost.
Der Haken an der Sache
So weit die Theorie. Wer sich die aktuellen Berechnungen genauer anschaut, reibt sich allerdings verwundert die Augen. Der Polarwirbel ist derzeit nämlich alles andere als schwach.
Im Gegenteil, er hat sich früher und kräftiger aufgebaut als in vielen anderen Jahren. Ab Mitte November sollen in der Stratosphäre kräftige Westwinde wehen. Und die stehen eher für stürmisches, nasses Schmuddelwetter als für sibirische Kälte. Einen Zusammenbruch des Wirbels berechnet derzeit kein Modell.
Langfristmodelle sehen eher Regen als Schnee
Auch der Blick auf die großen Langfristprognosen dämpft die Eiszeit-Fantasien gewaltig. Das europäische Modell rechnet die Stratosphäre längst mit ein und kommt trotzdem zu einem ziemlich klaren Ergebnis.
Der Dezember soll demnach deutlich zu warm ausfallen, der Winter insgesamt eher mild und nass werden, mit Wind aus West bis Südwest. Weiße Weihnachten im Flachland? Danach sieht es im Moment eher nicht aus. Wer auf Schnee hofft, muss sich vorerst mit den Bergen begnügen.
Kann der Winter trotzdem noch zuschlagen?
Ganz abschreiben sollte man den Winter aber nicht. Der Polarwirbel ist launisch, und Stratosphärenerwärmungen kommen immer wieder vor, meist allerdings erst im Januar oder Februar.

Passiert so etwas, kann es einige Wochen später tatsächlich knackig kalt werden. Der Haken: Längst nicht jede Erwärmung da oben schlägt auch bis zum Boden durch. Ein einzelner Kälteeinbruch mit Schnee bis ins Flachland ist also durchaus drin. Ein durchgehender Eiswinter über Monate ist aber eine ganz andere Hausnummer.
Eiswinter oder Schmuddelwinter: Das ist die Prognose
Unterm Strich ist der angebliche Jahrhundertwinter nach heutigem Stand mehr Wunschdenken als Wettervorhersage. Deutlich wahrscheinlicher ist ein Start in den Winter mit Sturm, Regen und milden Temperaturen.
Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen. Ab Dezember wird es richtig spannend, dann zeigt sich, ob der Polarwirbel stabil bleibt oder doch noch ins Wanken gerät. Schlitten und Schneeschaufel können also erst einmal im Keller bleiben. Ganz weit nach hinten räumen sollte man sie aber besser nicht.