Warum Menschen beim Sprechen einem uralten biologischen Rhythmus folgen, den es auch im Tierreich gibt

Was hat menschliches Sprechen mit dem Ruf einer Feldlerche oder den Signalen eines Seebären zu tun? Erstaunlich viel! Beide folgen einem zeitlichen Muster, das offenbar tief in der Biologie verankert ist.

Unterscheidet sich die menschliche Sprache womöglich gar nicht so sehr von der Kommunikation im Tierreich? Bild: Vitaly Gariev/Unsplash
Unterscheidet sich die menschliche Sprache womöglich gar nicht so sehr von der Kommunikation im Tierreich? Bild: Vitaly Gariev/Unsplash

Menschen sprechen unterschiedliche Sprachen, mit völlig verschiedenen Lautsystemen, Wörtern und grammatischen Regeln. Doch diese kulturelle Vielfalt basiert offenbar auf einem ähnlichen biologischen Takt: Ein typischer Sprechabschnitt samt anschließender Pause dauert etwa zwei Sekunden lang.

Diesen untersuchte nun eine neue Studie von Forschenden des Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Regensburg und der Aix-Marseille-Universität. Für die Analyse wurden Sprachaufnahmen aus 48 Sprachen von allen bewohnten Kontinenten ausgewertet – und anschließend mit Kommunikationssignalen verschiedener Tierarten verglichen, und zwar von Säugetieren, Vögeln und sogar Fischen.

Rhythmus für Menschen – und Tiere

Herausragend dabei ist die neue Sicht auf die menschliche Sprache. Die Forschenden betrachteten nicht einzelne Laute oder Silben, sondern das sogenannte Inter-Onset-Intervall: einen zusammenhängenden Sprechabschnitt mit der darauffolgenden Pause. Das Maß wird auch in der Forschung zur tierischen Kommunikation verwendet und macht deshalb den direkten Vergleich möglich.

Wissenschaftler denken, dass der Kommunikation kognitiv und körperlich Grenzen gesetzt sind, wodurch Sprechabschnitte naturgemäß nicht länger als zwei Sekunden dauern können. Bild: Vitaly Gariev/Unsplash
Wissenschaftler denken, dass der Kommunikation kognitiv und körperlich Grenzen gesetzt sind, wodurch Sprechabschnitte naturgemäß nicht länger als zwei Sekunden dauern können. Bild: Vitaly Gariev/Unsplash

Mehr als 100.000 dieser Intervalle wurden untersucht. Das Resultat war bemerkenswert stabil: Über die 48 Sprachen hinweg lag ihre typische Dauer bei rund zwei Sekunden. Ob Menschen eine Sprache aus einer bestimmten Sprachfamilie sprechen oder sich hinsichtlich ihrer individuellen Sprechweise unterscheiden, änderte an dem Grundmuster nur wenig.

Gerade der Vergleich mit kleineren sprachlichen Einheiten macht das Ergebnis interessant. Silben können sich zwischen Sprachen erheblich unterscheiden. Der übergeordnete Sprechrhythmus dagegen scheint einheitlich zu sein. Offenbar gibt es körperliche und kognitive Grenzen, die auch die menschliche Kommunikation einhält.

Darstellung eines Interonset-Intervalls (IOI), definiert als der Zeitraum zwischen einer Interpausen-Einheit (IPU) und einer darauf folgenden Sprachpause. Bild: Burchardt, Paschen & Fuchs, 2026
Darstellung eines Interonset-Intervalls (IOI), definiert als der Zeitraum zwischen einer Interpausen-Einheit (IPU) und einer darauf folgenden Sprachpause. Bild: Burchardt, Paschen & Fuchs, 2026

Noch überraschender wurde es beim Blick auf andere Arten. Der menschliche Sprechrhythmus liegt innerhalb der zeitlichen Bandbreite, die auch für Kommunikationssignale des südafrikanischen Seebären, des Meerraben – eine tiefe Laute produzierende Fischart – und der Feldlerche beschrieben wurde.

Daraus folgt aber nicht, dass Menschen und Tiere auf dieselbe Weise kommunizieren. Die Studie zeigt vielmehr eine Gemeinsamkeit auf einer grundlegenderen Ebene: Kommunikation muss offenbar mit biologischen Taktgebern zurechtkommen, die über die menschliche Sprache hinausreichen.

Eine mögliche Erklärung liegt in der Atmung. Sie begrenzt, wie lange ein Mensch ohne Unterbrechung sprechen kann, und könnte damit auch die zeitliche Struktur von Äußerungen prägen.

Hinzu kommen möglicherweise die Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses. Denn auch die Verarbeitung und Planung sprachlicher Information ist nicht unbegrenzt.

Vergleich von menschlichen Sprachdaten (blau) mit denen dreier anderer Arten: der Meerrabe, ein Fisch (blau), der südafrikanische Seebär, ein Säugetier (orange) und die Feldlerche als Vogel (rot). Bild: Burchardt, Paschen & Fuchs, 2026
Vergleich von menschlichen Sprachdaten (blau) mit denen dreier anderer Arten: der Meerrabe, ein Fisch (blau), der südafrikanische Seebär, ein Säugetier (orange) und die Feldlerche als Vogel (rot). Bild: Burchardt, Paschen & Fuchs, 2026

„Wenn man den Sprechrhythmus so berechnet, wie das häufig in der tierischen Kommunikation untersucht wird, zeigen sich deutlich weniger Unterschiede zwischen den untersuchten Sprachen, als man es von kleineren sprachlichen Einheiten wie Silben kennt“, sagt Susanne Fuchs, Senior Researcher am ZAS Berlin und Mitautorin der Studie. „Dies legt nahe, dass hier biologische Faktoren eine wichtige Rolle spielen.“

Sprache ist kulturell – ihr Takt vielleicht nicht

Die Studie behandelt damit eine zentrale Frage der Sprachwissenschaft. Sprache gilt als eine der herausragenden Fähigkeiten des Menschen und ist zugleich tief von Kultur geprägt. Doch ihre zeitliche Organisation könnte teilweise auf körperlichen Gegebenheiten beruhen, die Menschen mit anderen Tieren teilen.

Ludger Paschen, Mitherausgeber des verwendeten Language Documentation Reference Corpus (DoReCo), hebt zudem hervor, dass Sprachaufnahmen weniger erforschter Sprachen für grundlegende Forschungsfragen neu genutzt werden können.

Die in den Annals of the New York Academy of Sciences veröffentlichte Studie eröffnet damit einen ungewöhnlichen Blick darauf, dass der menschliche Sprachrhythmus weniger ein einzigartiges kulturelles Produkt sein könnte als bisher angenommen – und stärker dem Takt der Biologie folgt.

Artikelreferenz

Burchardt, L. S., Paschen, L., & Fuchs, S. (2026). Rhythm Across Species: Situating Human Speech in a Comparative Framework. Annals of the New York Academy of Sciences.