Das verlorene Goldene Zeitalter: Zehntausende Sprachen prägten einst die Welt – dann nahm ihre Zahl wieder ab

Die heutige Vielfalt von rund 7500 Sprachen ist offenbar nur ein Überrest einer einst viel reicheren Sprachlandschaft. Eine neue Studie zeichnet die Entwicklung der vergangenen 12.000 Jahre nach – und deckt einen unerwarteten Trend auf.

Einer neuen Studie zufolge könnte die weltweite Sprachendiversität ihren Höhepunkt erlebt haben, als sich die Landwirtschaft verbreitete, also vor etwa 3000 Jahren. Bild: Dariia Lemesheva/Unsplash
Einer neuen Studie zufolge könnte die weltweite Sprachendiversität ihren Höhepunkt erlebt haben, als sich die Landwirtschaft verbreitete, also vor etwa 3000 Jahren. Bild: Dariia Lemesheva/Unsplash

Wie viele Sprachen wir im Laufe der Menschheitsgeschichte gesprochen haben, ließ sich bisher schwer sagen, weil vor der Erfindung der Schrift ab ca. 3000 v. Chr. nahezu alle belastbaren Belege fehlen. Ein internationales Forschungsteam hat deshalb nun den Versuch gewagt, mit statistischen Modellen, ethnografischen Daten und Schätzungen zur Weltbevölkerung, die vergangene Sprachvielfalt zu rekonstruieren.

Die Wissenschaftler aus Spanien, den USA und Deutschland kommen in ihrer in Science veröffentlichten Studie zu einem unerwarteten Schluss: Die Zahl der Sprachen nahm über den größten Teil des Holozäns kontinuierlich zu, erreichte ihren Höhepunkt erst vor etwa 1000 bis 3000 Jahren und ging anschließend wieder zurück.

Weniger Sprachen im beginnenden Holozän

Den Berechnungen zufolge wurden vor rund 12.000 Jahren zwischen etwa 4500 und 6200 Sprachen gesprochen. Das wäre sogar weniger als die heute existierenden rund 7500 gesprochenen und Gebärdensprachen. Für ihre Rekonstruktion untersuchten die Wissenschaftler 171 Jäger-, Sammler- und Fischergesellschaften, deren traditionelle Lebensweise weitgehend unbeeinflusst von Ackerbaugesellschaften geblieben war.

Moderne Sprachen und ihr Gefährdungsstatus. Bild: Claire Bowern
Moderne Sprachen und ihr Gefährdungsstatus. Bild: Claire Bowern

Die Daten kombinierten sie mit Schätzungen, wonach die Weltbevölkerung damals zwischen 4,4 und sieben Millionen Menschen umfasste. Daraus entstand ein Modell der frühen sprachlichen Vielfalt.

„Eine der ersten Überraschungen war, dass die Welt unmittelbar vor dem Aufkommen der Landwirtschaft wahrscheinlich nicht besonders sprachenreich war“, erklärt Russell Gray vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Es gab höchstwahrscheinlich weniger Sprachen als heute.“ Die sprachliche Vielfalt sei dann über Jahrtausende hinweg parallel zur menschlichen Bevölkerung gewachsen.

Landwirtschaft fördert Sprachen

Mit der Ausbreitung der Landwirtschaft wuchs die Weltbevölkerung stark an. Gleichzeitig entstanden größere Gemeinschaften, in denen immer mehr Menschen dieselbe Sprache verwendeten. Um diese gegensätzlichen Entwicklungen abzubilden, simulierten die Forschenden Tausende möglicher Entwicklungspfade.

Obwohl Einzelheiten unsicher bleiben, zeichnete sich in fast allen Modellen derselbe Trend ab: Die Sprachvielfalt stieg über Jahrtausende an und erreichte schließlich ein außergewöhnliches Niveau. Demnach könnten damals weltweit Zehntausende Sprachen existiert haben – etwa zehnmal so viele wie zu Beginn des Holozäns.

Die Sprachenvielfalt büßte bereits vor dem Kolonialismus wieder an Vielfalt ein, durch die Ausbildung von Staaten und dominierenden Sprachen. Bild: Markus Krisetya/Unsplash
Die Sprachenvielfalt büßte bereits vor dem Kolonialismus wieder an Vielfalt ein, durch die Ausbildung von Staaten und dominierenden Sprachen. Bild: Markus Krisetya/Unsplash

„Das überraschendste Ergebnis ist, wie jung dieser Höhepunkt offenbar war“, sagt Claire Bowern von der Yale University. „Die Zeit der größten sprachlichen Vielfalt könnte nicht im fernen Paläolithikum gelegen haben, sondern in einer Epoche, in der sich Staaten ausbreiteten und frühe Reiche entstanden.“

Niedergang noch vor dem Kolonialismus

Nach diesem sprachlichen „goldenen Zeitalter“ setzte ein rascher Rückgang ein, insbesondere in den vergangenen zwei Jahrtausenden. Die Studie widerspricht damit der verbreiteten Annahme, das weltweite Sprachensterben habe erst mit der europäischen Kolonialexpansion begonnen.

Zwar beschleunigte der Kolonialismus den Verlust vieler Sprachen. Den Modellen zufolge setzte diese Entwicklung jedoch bereits ein, als große Reiche aufstiegen. Dominante Sprachen verbreiteten sich gemeinsam mit politischen Strukturen, technischen Innovationen und kulturellen Einflüssen, während kleinere Sprachgemeinschaften verschwanden.

Dieser historische Auswahlprozess präge die heutige Sprachlandschaft bis heute, sagen die Forschenden. Viele grammatische Strukturen oder Lautsysteme könnten nicht deshalb weit verbreitet sein, weil sie besonders effizient sind, sondern weil ihre Sprechergruppen einst expandierten.

„Die Sprachen, die wir heute sehen, sind die Überlebenden in einem massiven, hochselektiven historischen Flaschenhals“, meint Studienleiter Damian Blasi. „Ein linguistisches Merkmal kann verbreitet sein, nicht weil es überlegen war, sondern weil es zufällig von einer Volksgruppe gesprochen wurde, die sich ausgebreitet hat.“

Die Wissenschaftler verstehen ihre Arbeit nicht als exakte Zählung vorgeschichtlicher Sprachen, sondern als belastbare Rekonstruktion eines grundlegenden Trends, nach dem auf eine lange Phase wachsender Vielfalt ein dramatischer weltweiter Sprachverlust folgte.

Artikelreferenz

Blasi, D. E., Hamilton, M. J., Gray, R. D., & Bowern, C. L. (2026). The rise and fall of language diversity through the Holocene. Science.