Warum Europas Bäume immer früher sterben: Warme Frühlinge werden unseren Wäldern zum Verhängnis

Eine großangelegte Untersuchung französischer Wälder zeigt, dass das zunehmende Baumsterben in Europa ganz unterschiedliche Ursachen hat: Neben Dürre können nämlich auch scheinbar günstige Witterungsbedingungen die Widerstandskraft der Bäume schwächen und ihr Absterben beschleunigen.

Drohnenaufnahme des Pfynwaldes in der Nähe des Illgrabens im Wallis. Zu erkennen sind Lärchen, Fichten und Kiefern. Bild: Jan Ziegler/WSL
Drohnenaufnahme des Pfynwaldes in der Nähe des Illgrabens im Wallis. Zu erkennen sind Lärchen, Fichten und Kiefern. Bild: Jan Ziegler/WSL

Seit rund zwei Jahrzehnten verschlechtert sich in vielen Teilen Europas der Zustand der Wälder. Vertrocknete Buchen mit braunen Blättern mitten im Sommer, von Borkenkäfern geschädigte Fichten oder durch Stürme entwurzelte Bäume sind längst keine Ausnahme mehr. In manchen Regionen ist die Situation heute sogar kritischer als in den 1980er-Jahren, als Luftverschmutzung als größte Bedrohung für den Wald galt.

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des französischen Laboratoire des Sciences du Climat et de l'Environnement und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat nun die Ursachen dieses Trends neu erforscht. Die Wissenschaftler werteten Daten des französischen Forstinventars der Jahren 2015 bis 2023 aus und entdeckten dabei, wie Klima und Baumsterblichkeit – über die Trockenheit hinaus – noch zusammenhängen könnten.

Sind allzu gute Wachstumsbedingungen schädlich?

Mit verschiedenen Computermodellen und Machine-Learning-Verfahren wurden Daten von rund 500.000 Bäumen aus 52 Arten analysiert. Dabei zeigte sich, dass nicht nur die Größe eines Baumes oder die Konkurrenz um Ressourcen schuld am Baumsterben sind. Entscheidend sind vor allem die Abweichungen vom gewohnten jahreszeitlichen Klima.

Überraschend war, dass selbst warme und feuchte Frühjahre, die eigentlich ideale Voraussetzungen für kräftiges Wachstum schaffen, das Risiko eines späteren Absterbens erhöhen können. Davon waren große Bäume wie die Weißtanne besonders betroffen.

Eine Gruppe abgestorbener Weißtannen im Dollertal in den Vogesen (Frankreich). Bild: Christian Piedallu
Eine Gruppe abgestorbener Weißtannen im Dollertal in den Vogesen (Frankreich). Bild: Christian Piedallu

„Das erhöht ihren Wasserbedarf und macht sie anfälliger, sobald es trocken wird“, erklärt Erstautor Pascal Schneider. Gleichzeitig würden sie dadurch bereits früh im Jahr mehr Bodenwasser verbrauchen. „Folgt dann ein trockener Sommer, sind die Wasservorräte im Boden schon reduziert und die Bäume geraten schneller unter Trockenstress“, so Schneider.

Mehrere Stressoren

Die Forschenden schätzen, dass Bäume während außergewöhnlich günstiger Frühjahre stärker wachsen als gewöhnlich. Dieser Wachstumsschub erhöht jedoch den Wasserverbrauch. Kommt später noch Trockenheit hinzu, fehlen wichtige Reserven im Boden. Zusätzlich können feuchte Frühjahre dazu führen, dass sich Pilze und andere Krankheitserreger ausbreiten, was die Pflanzen weiter schwächt.

Außerdem reagieren Baumarten unterschiedlich auf Wasserknappheit: „Unsere Ergebnisse zeigen, dass es nicht einfach den einen ‚Trockensommer‘ gibt, der den Bäumen Probleme bereitet“, sagt Schneider. „Je nach Baumart kann ein langsam zunehmender Wassermangel stärker ins Gewicht fallen als eine kurze, intensive Dürre – oder umgekehrt.“

Auch ungewöhnlich milde Winter können den Wäldern zusetzen, weil Schädlinge bessere Überlebenschancen haben. Gleichzeitig führen warme Frühjahre häufig zu einem früheren Austrieb, wodurch junge Blätter stärker durch Spätfröste gefährdet sind. Das Baumsterben ist damit das Ergebnis mehrerer klimatischer Belastungen, die sich gegenseitig verstärken.

Aus den Ergebnissen leiten die Forschenden ab, dass die Bewirtschaftung der Wälder geändert werden muss. So sollten künftig etwa trockenheitsresistente Herkünfte und Baumarten stärker berücksichtigt werden. Gleichzeitig werde Wasser im Sommer zur begrenzenden Ressource.

Deshalb könnte es sinnvoll sein, besonders große, wasserintensive Bäume früher zu entnehmen und Waldbestände stärker aufzulockern. Dadurch erhalten verbleibende Bäume bessere Chancen, Trockenperioden zu überstehen. Da Frankreich nahezu alle europäischen Klimazonen umfasst, lassen sich die Erkenntnisse nach Ansicht der Forschenden auch auf viele andere Regionen Europas übertragen.

Artikelreferenz

Schneider, P., Pellissier-Tanon, A., Zhou, C., et al. (2026). Rising tree mortality in France is associated with distinct seasonal climate anomalies. Nature Communications.