Notfallnetz im Amazonas: Tiere warnen sich gegenseitig mit Rufen in den Baumkronen – über Artgrenzen hinweg

Im peruanischen Amazonasregenwald existiert ein akustisches Warnnetz, das artübergreifend funktioniert. Wissenschaftler konnten nun zeigen, dass Alarmrufe kleiner Vögel durch die Baumkronen weitergegeben werden und sogar Primaten erreichen.

Wissenschaftler haben die artübergreifenden Alarmrufe im Amazonasregenwald untersucht. Bild: Dylan Shaw/Unsplash
Wissenschaftler haben die artübergreifenden Alarmrufe im Amazonasregenwald untersucht. Bild: Dylan Shaw/Unsplash

Das Prinzip erinnert an ein „Internet des Waldes“: Ein Tier entdeckt einen Greifvogel, warnt seine Umgebung – und andere Tiere übernehmen die Information, obwohl sie die Gefahr selbst nicht gesehen haben. Eine Studie der University of California, Santa Cruz, und der Deakin University hat diesen Informationsfluss in einem artenreichen Lebensraum nun untersucht.

Für das Experiment mussten die Forschenden den Zufall überlisten. Weil sich wilde Greifvögel kaum für die Untersuchung bändigen lassen, arbeiteten die Forschenden mit einem Falkner zusammen. Die Raubvögel lösten echte Alarmreaktionen aus – als Vergleich wurden aufgezeichnete Kontrollrufe im Wald abgespielt. Die Beobachtungen erfassten dann, welche Arten reagierten, den Alarm wiederholten oder verstummten.

Kleine Vögel werden zu Informationsknoten

Die Ergebnisse aus den Tieflandwäldern Perus sind auffällig: Vorwiegend Baumkronenbewohner mit einem Körpergewicht von weniger als 100 Gramm lösten weitere Alarmrufe aus und gaben Warnungen besonders häufig weiter. Der entscheidende Faktor war damit weniger die Artzugehörigkeit, sondern eine Kombination aus Körpergröße und Lebensraum.

Besonders häufig beteiligten sich zwei Vogelarten aus der Gattung Monasa: der Schwarzstirn-Faulvogel (Monasa nigrifrons) und der Weißstirn-Faulvogel (Monasa morphoeus). Zusammen waren sie für 56 Prozent der beobachteten Weitergaben verantwortlich. Ihre Alarmrufe können dabei Warnungen anderer Vögel und sogar von Primaten aufnehmen und weiterverbreiten.

Zu den untersuchten Tieren gehörten neben Vögeln auch Primaten und andere Säugetiere. Bild: Azzedine Rouichi/Unsplash
Zu den untersuchten Tieren gehörten neben Vögeln auch Primaten und andere Säugetiere. Bild: Azzedine Rouichi/Unsplash

Auch das Schweigen gehört zum Signal. Nach einem Alarm sank die Zahl der singenden Arten in der Kronenschicht. Andere Tiere im Unterwuchs zeigten keine vergleichbare Veränderung. Die Forschenden sehen darin eine Art akustische Lücke, die ebenfalls Gefahr anzeigen kann.

Dass Tiere Informationen anderer Arten „mithören“, ist bekannt. Studien haben solche Reaktionen bei Vögeln, Säugetieren und sogar einer Echse dokumentiert. Neu ist vor allem die Sicht auf eine gemeinsame Weitergabe, bei der ein Warnsignal mehrere ökologische Nischen und taxonomische Grenzen überschreitet.

Ökologisch würde das sogar bedeuten: Fällt eine kleine, besonders kommunikative Vogelart aus, könnte im Wald nicht nur ein Sänger fehlen – sondern ein Teil seines Warnsystems.

Affen reagieren auf Vogelwarnungen

Für Primaten ist eine Vogelwarnung ebenfalls sinnvoll, zumindest wenn beide von denselben Greifvögeln bedroht werden. In einem früheren Feldexperiment flohen Kapuzinerverwandte und andere Tiere, wenn sie Alarmrufe einer anderen Art hörten, häufiger als bei harmlosen Kontrollgeräuschen. Die Gefahr muss also nicht vom eigenen Artgenossen gemeldet werden, um relevant zu sein.

Kleine Vogelarten mit weniger als 100 g Körpergewicht verbreiten besonders viele Alarmrufe in den Baumkronen (A). Bei den kleinen Baumkronenarten tragen zwei Faulvogelarten (Monasa nigrifrons und Monasa morpheus) überproportional zur Ausbreitung von Alarmrufen bei (B). Bild: Camerlenghi et al., 2026
Kleine Vogelarten mit weniger als 100 g Körpergewicht verbreiten besonders viele Alarmrufe in den Baumkronen (A). Bei den kleinen Baumkronenarten tragen zwei Faulvogelarten (Monasa nigrifrons und Monasa morpheus) überproportional zur Ausbreitung von Alarmrufen bei (B). Bild: Camerlenghi et al., 2026

„Aber der erste Ton ist wirklich wichtig“, sagt Autor Ettore Camerlenghi von der Deakin University. Tiere haben nur Millisekunden, um über Flucht oder Verharren zu entscheiden. Die Studie legt deshalb nahe, dass der Beginn eines Rufes besonders viel Information trägt.

Dennoch sind die Schlussfolgerungen begrenzt. Die Wiedergabe von Aufnahmen zeigt, wie Tiere auf ein Signal reagieren, nicht, ob sich bei einem echten Angriff dieselben Folgen ergeben. Zudem bleibt offen, ob Alarmrufe überhaupt Angaben über Art, Entfernung oder Richtung des Räubers enthalten.

Die Forschenden sprechen deshalb von einer „akustischen Autobahn“, und nicht von einem vollständig entschlüsselten Kommunikationssystem. Ob sich solche Warnketten über größere Gebiete ausbreiten und welche Arten als unverzichtbare Informationsknoten fungieren, müssen nun weitere Untersuchungen ergeben.

Artikelreferenz

Camerlenghi, E., Parra, E., Novoa, J., Blumstein, D. T., Ponciano, J. M., & Martínez, A. E. (2026). Small canopy species drive information highways about predators in an Amazonian rainforest. Current Biology.