Ausflug an die Saale: Wie ein 320 Meter langes Holzbauwerk Ostsee-Klima schafft

Das Meer liegt über 300 Kilometer entfernt, doch die historische Anlage zur Salzgewinnung schafft Luft zum Durchatmen. Das Phänomen bescherte der Konstruktion in Bad Kösen eine zweite Karriere als Inhalatorium.

Mechanik, die begeistert - und nach Meer riecht: das Gradierwerk in Bad Kösen. Foto: Adobe Stock
Mechanik, die begeistert - und nach Meer riecht: das Gradierwerk in Bad Kösen. Foto: Adobe Stock

Den Spaziergang durch einen Kurort verbindet man mit Blumenfülle, gepflegten Parkanlagen und den Klängen eines nachmittäglichen Konzerts.

In Bad Kösen aber führt der Weg auch zu einem Bauwerk, das eher nach Mittelalter als nach Kurleben aussieht: 320 Meter lang, fast 20 Meter hoch, aus Holz, Baumstämmen und Schwarzdornreisig errichtet.

Von der Sole zum Salz

Heilquellen, Festungen aus dem Mittelalter wie die Rudelsburg und Burg Saaleck sowie die Weinkultur der Region Saale-Unstrut machen das anerkannte Heilbad zu einem facettenreichen Ziel. Die historische Saline schenkt Bad Kösen und seinen Gästen dazu Luft zum Durchatmen.

Das mächtige Gerüst wirkt wie eine hölzerne Festungsmauer. Die Beschilderung bringt Klarheit: Bei der imposanten Konstruktion handelt es sich um ein Gradierwerk.

Früher wurde es genutzt, um Sole in Salz zu verwandeln, heute dient es als Freiluft-Inhalatorium der Förderung der Gesundheit.

Heilbad-Eleganz: Das Kurhaus von Bad Kösen. Foto: Adobe Stock
Heilbad-Eleganz: Das Kurhaus von Bad Kösen. Foto: Adobe Stock

Sole, also salzhaltiges Wasser, wird im Gradierwerk nach oben geleitet und über das hölzerne Gerüst verteilt. Von dort sickert sie langsam durch das Schwarzdornreisig nach unten. Dabei verdunstet Wasser, die Salzkonzentration steigt. Zugleich bleiben Verunreinigungen an den Dornen hängen. Das Verfahren nennt sich Gradierung, es bedeutet die Anreicherung der Sole mit Salz.

Seit 500 Jahren wird auf diese Art Salz gewonnen

Solche Anlagen wurden ab dem 16. Jahrhundert zur Salzgewinnung eingesetzt, unter anderem in Reichenhall, Kreuznach und Salzuflen. Das Gradierwek in Bad Kösen ging 1779 in Betrieb.

Irgendwann entdeckte man einen erfreulichen Nebeneffekt: Die Menschen, die an den Gradierwerken arbeiteten, schienen seltener krank zu werden. Die salzhaltige Luft wurde als gesundheitsfördernd empfunden.

Prominente Kurgäste von Fontane bis Munch

Aus Orten der Salzproduktion entwickelten sich Kurorte - wie hier. Kurgarten, Therme und Kurbetrieb folgten, prominente Gäste kamen hinzu. Unter ihnen: Max Liebermann, Theodor Fontane und der norwegische Maler Edvard Munch.

Die Saale trägt mittels Wasserkraft zur Salzgewinnung bei. Foto: Adobe Stock
Die Saale trägt mittels Wasserkraft zur Salzgewinnung bei. Foto: Adobe Stock

Das Salzgeschäft wurde erst nebensächlich und verschwand schließlich ganz. Das Gradierwerk blieb. Heute dient es vor allem zur Freiluftinhalation. An der langen Holzwand lässt sich die salzhaltige Luft einatmen, während Sole unablässig durch das Reisig rieselt.

Kureinrichtung mit Wasserkraft und Mechanik

Ein Rundgang lohnt schon wegen der Technik des Bauweks. Die Strömung der Saale treibt ein gewaltiges Wasserrad an. Ein langes mechanisches Gestänge überträgt diese Kraft den Berg hinauf zu den Pumpen.

Diese befördern die Sole nach oben, wo sie über ein hölzernes Viadukt zu den oberen Bereichen des Gradierwerks gelangt. So kommt die Anlage ohne Strom und Motoren aus: Wasserkraft und Mechanik erledigen die Technik.

Zwischen den dunklen, salzverkrusteten Reisigwänden und dem ständigen Tropfen des Wassers entsteht so ein ungewöhnlicher Ort: halb Industriedenkmal, halb Kureinrichtung.

Artikelreferenz

Annette Prosinger. (2026). Warum es im sachsen-anhaltischen Kösen wie am Meer riecht.