Neue Studie: Klimawandel treibt tropische Insekten im Amazonas an ihre Grenzen

Viele tropische Insekten können steigende Temperaturen kaum ausgleichen. Das zeigt eine neue internationale Studie. Besonders im Amazonasgebiet könnten künftig bis zu 50 Prozent der Arten in lebensbedrohliche Hitzezonen geraten.

Ein Malachitfalter der Familie Nymphalidae aus dem Amazonastiefland von Peru. Bild: Kim Lea Holzmann
Ein Malachitfalter der Familie Nymphalidae aus dem Amazonastiefland von Peru. Bild: Kim Lea Holzmann

Der Klimawandel könnte für viele tropische Insekten dramatischere Folgen haben als bisher angenommen. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass zahlreiche Arten in den Tropen kaum in der Lage sind, sich an steigende Temperaturen anzupassen.

„Da Insekten zentrale Funktionen in Ökosystemen erfüllen, etwa als Bestäuber, Zersetzer oder Räuber, drohen weitreichende Folgen für ganze Ökosysteme.“

– Dr. Marcell Peters, Tierökologe, Universität Bremen

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Bremen und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, die im renommierten Fachjournal Nature veröffentlicht wurde. Demnach könnte in besonders artenreichen Regionen wie dem Amazonasbecken künftig ein erheblicher Anteil der Insektenpopulationen durch extreme Hitze gefährdet sein.

Die Analyse deutet darauf hin, dass die menschengemachte Erderwärmung viele Arten in Temperaturbereiche drängen könnte, die sie physiologisch kaum noch überstehen.

Überaus geringe Anpassungsfähigkeit

„Aktuelle Auswertungen zur Hitzetoleranz von Insekten wie Faltern, Fliegen und Käfern zeichnen ein differenziertes und zugleich alarmierendes Bild“, erläutert Studienautorin Dr. Kim Holzmann, Tierökologin und Tropenbiologin am Biozentrum der Universität Würzburg.

Während Arten in höheren Lagen ihre Hitzetoleranz zumindest kurzfristig erhöhen können, fehlt diese Fähigkeit bei vielen Tieflandarten weitgehend.

Den Forschenden zufolge ist die Fähigkeit vieler Insektenarten, Hitze zu tolerieren, weniger flexibel als angenommen. Statt sich dynamisch an ihre Umgebungstemperatur anzupassen, stoßen viele Arten relativ schnell an ihre physiologischen Grenzen.

Bedrohung für ganze Ökosysteme

Da Insekten in natürlichen Lebensräumen zahlreiche wichtige Funktionen übernehmen wie Bestäubung oder Zersetzung, könnte die begrenzte Anpassungsfähigkeit gravierende Folgen haben.

„Gerade in Regionen mit der weltweit höchsten Artenvielfalt könnten steigende Temperaturen massive Auswirkungen auf Insektenpopulationen haben.“

– Dr. Marcell Peters, Tierökologe der Universität Bremen, Studienautor

Die Studie zeigt zudem deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Insektengruppen. Einige Familien und Ordnungen reagieren deutlich empfindlicher auf Hitze als andere. Als Ursache werden unter anderem die Struktur von Proteinen in den Organismen angenommen. Deren Stabilität beeinflusst maßgeblich, wie gut Zellen hohe Temperaturen aushalten können.

Eine wahrscheinlich unbeschriebene Mottenart (Perigramma sp. aus der Familie der Geometridae), welche vom Amazonas-Tiefland bis in mittleren Höhenlagen in den östlichen Anden zu finden ist. Bild: Gunnar Brehm
Eine wahrscheinlich unbeschriebene Mottenart (Perigramma sp. aus der Familie der Geometridae), welche vom Amazonas-Tiefland bis in mittleren Höhenlagen in den östlichen Anden zu finden ist. Bild: Gunnar Brehm

„Diese Eigenschaften sind im evolutionären Stammbaum der Insekten vergleichsweise konserviert und lassen sich nur begrenzt verändern“, so Studienautor Dr. Marcell Peters, Tierökologe der Universität Bremen. Die Ergebnisse würden darauf hindeuten, dass grundlegende Merkmale der Hitzetoleranz tief biologisch verankert sind und sich nicht schnell an neue Klimabedingungen anpassen lassen.

Alarmierende Prognose für den Amazonas

Vor allem für das Amazonasgebiet zeichnen die Forschenden ein besorgniserregendes Szenario. In den tropischen Tieflandregionen liegen viele Arten bereits heute nahe an ihrer maximal tolerierbaren Temperatur. Sollten die globalen Temperaturen weiter steigen, könnten viele Arten ihre Belastungsgrenze überschreiten.

„Sollten sich die globalen Ökosysteme weiter ungebremst erwärmen, werden künftig erwartete Temperaturen bei bis zu der Hälfte der dortigen Insektenarten zu kritischen Hitzebelastungen führen.“

– Dr. Kim Holzmann, Tierökologin und Tropenbiologin, Biozentrum der Universität Würzburg

Trotz ihrer enormen Bedeutung für die Biodiversität sind tropische Insekten vergleichsweise wenig erforscht. Rund 70 Prozent aller bekannten Tierarten gehören zu dieser Gruppe – die meisten leben in tropischen Regionen. Dennoch fehlen bis dato umfangreiche Datensätze zur Temperaturtoleranz vieler Arten. Auch experimentelle Untersuchungen sind selten.

Messungen an über 2.000 Arten

Für die aktuelle Studie untersuchte ein internationales Forschungsteam die thermischen Grenzen von mehr als 2000 Insektenarten. Die Datenerhebung erfolgte in den Jahren 2022 und 2023 entlang verschiedener Höhenstufen in Afrika und Südamerika. Die Forschenden analysierten Insektenpopulationen von kühlen Bergwäldern bis hin zu heißen Regenwäldern und Savannen im Tiefland, wodurch sie vergleichen konnten, wie sich unterschiedliche Klimabedingungen auf die Hitzetoleranz auswirken.

Zusätzlich wurden genetische Analysen durchgeführt. Damit versuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu verstehen, warum manche Insekten höhere Temperaturen besser überstehen als andere.

Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass gerade in den artenreichsten Regionen der Erde die biologische Widerstandsfähigkeit gegenüber der globalen Erwärmung begrenzter sein könnte als lange angenommen.

Quellenhinweis:

Holzmann, K. L., Schmitzer, T., Abels, A. et al. (2026): Limited thermal tolerance in tropical insects and its genomic signature. Nature.