Ist die Evolution langsamer als der Fortschritt? Warum moderne Städte unseren Körper überfordern

Der Mensch hinkt seiner Umwelt hinterher: Der moderne Lebensstil hat eine Geschwindigkeit erreicht, mit der die biologische Anpassung nicht Schritt halten kann. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie.

Der menschliche Körper ist nicht an die vielen Reize angepasst, denen wir täglich ausgesetzt sind, sagen Experten. Bild: Sofia Terzoni/Pixabay
Der menschliche Körper ist nicht an die vielen Reize angepasst, denen wir täglich ausgesetzt sind, sagen Experten. Bild: Sofia Terzoni/Pixabay

Wir leben heutzutage in industriell geprägten, hochverdichteten Städten – doch unsere Biologie ist eigentlich auf natürliche Umweltbedingungen ausgelegt. Wissenschaftler sagen nun, dass viele moderne Gesundheitsprobleme nicht zufällig auftreten, sondern durch diesen grundlegenden Widerspruch entstehen.

In den letzten 6 bis 7 Millionen Jahren hat sich die Homininenlinie erfolgreich an verschiedene Klimata und Orte angepasst. In den letzten 100.000 Jahren konnte sich dann der Homo sapiens in nahezu allen terrestrischen Lebensräumen der Erde ausbreiten.

Die Evolutionsanthropologen Colin Shaw von der Universität Zürich und Daniel Longman von der Loughborough University beschreiben in ihrer Überblicksstudie, wie die menschliche Biologie auf die beschleunigten Veränderungen reagiert. Die Ergebnisse wurden in Biological Reviews veröffentlicht.

Stress wie früher – aber ohne Ende

Über Hunderttausende von Jahren passte sich der Mensch an ein Leben als Jäger und Sammler an, das durch Bewegung, kurze Stressspitzen und einen engen Bezug zur Natur gekennzeichnet war.

In unseren ursprünglichen Lebensräumen waren wir darauf spezialisiert, akuten Stress zu bewältigen, um Raubtieren zu entkommen oder ihnen entgegenzutreten.

Shaw erklärt: „Der Löwe tauchte gelegentlich auf, und man musste bereit sein, sich zu verteidigen – oder zu fliehen. Entscheidend war: Der Löwe verschwand wieder.“ Der Mensch konnte schnell in seinen Ruhezustand zurückkehren. Heute jedoch verschwinden die Löwen nicht mehr.

Über Jahrmillionen hat sich die menschliche Biologie an natürliche Lebensräume angepasst. Bild: Karl Egger auf Pixabay
Über Jahrmillionen hat sich die menschliche Biologie an natürliche Lebensräume angepasst. Bild: Karl Egger auf Pixabay

Verkehr, Arbeitsdruck, soziale Medien, Dauerlärm – all diese Reize lösen dieselben biologischen Stressreaktionen aus wie ein Raubtierangriff. „Unser Körper reagiert, als wären all diese Stressoren Löwen“, sagt auch Longman. „Ob ein schwieriges Gespräch mit dem Chef oder Verkehrslärm – das Stresssystem reagiert, als würde man einem Löwen nach dem anderen gegenüberstehen.“ Das führe zu einer starken Aktivierung des Nervensystems, allerdings ohne Erholung.

Gesundheit und Fortpflanzung gefährdet

Shaw und Longman sehen deutliche Hinweise darauf, dass die industrielle Umwelt zentrale biologische Funktionen beeinträchtigt, insbesondere jene, die für Überleben und Fortpflanzung entscheidend sind. Sie verweisen auf sinkende Fertilitätsraten weltweit sowie auf eine Zunahme chronischer Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen.

„Es ist ein Paradox: Einerseits haben wir enormen Wohlstand, Komfort und Gesundheitsversorgung geschaffen, andererseits beeinträchtigen einige dieser industriellen Errungenschaften unser Immun-, Kognitions-, körperliches und reproduktives System.“

– Colin Shaw, Evolutionsanthropologe, Universität Zürich

Ein besonders aufsehenerregendes Beispiel ist der globale Rückgang der Spermienqualität seit den 1950er Jahren. „Man geht davon aus, dass dies mit Pestiziden und Herbiziden in Lebensmitteln zusammenhängt, aber auch mit Mikroplastik“, so Shaw.

Evolution kann nicht mithalten

Derweilen Städte, Technologien und Lebensstile sich in wenigen Jahrhunderten radikal verändert haben, verläuft genetische Evolution in einem gemächlicheren Tempo. „Biologische Anpassung ist sehr langsam“, erklärt Shaw. „Langfristige genetische Veränderungen brauchen viele Generationen – Zehntausende bis Hunderttausende von Jahren.“ Die Kluft zwischen Biologie und Umwelt wird sich daher nicht von selbst schließen.

Natur müsse als zentraler Gesundheitsfaktor verstanden werden, sagen die Forscher. „Eine Möglichkeit besteht darin, unsere Beziehung zur Natur grundlegend zu überdenken“, so Shaw. Räume müssten geschützt oder zurückzugewonnen werden, die jenen aus der Jäger-und-Sammler-Zeit ähneln. Zugleich sollten Städte die physiologischen Bedürfnisse berücksichtigen.

Unsere Forschung kann aufzeigen, welche Reize Blutdruck, Herzfrequenz oder Immunfunktionen besonders beeinflussen – und dieses Wissen Entscheidungsträgern zur Verfügung stellen.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass industriell geprägte Lebensräume den menschlichen Körper systematisch überfordern. Der Befund fordert zugleich, dass Städte, Arbeitswelten und Lebensweisen stärker an unsere evolutionär geprägte Biologie angepasst werden müssen.

Nur so lässt sich verhindern, dass die Schere zwischen menschlicher Natur und modernem Alltag weiter auseinandergeht – was sich langfristig auf Gesundheit und Wohlbefinden auswirken würde.

Quellenhinweis:

Shaw, C. N., & Longman, D. (2025): Homo sapiens, industrialisation, and the environmental mismatch hypothesis. Biological Reviews.