Systemstörungen beim IPCC
Der Weltklimarat IPCC mit Sitz in Genf ist das größte Klimagremium der Welt. In regelmäßigen Abständen präsentieren die Wissenschaftler einen detaillierten Sachstandsbericht mit vielen Grafiken, immer gestützt von klimawissenschaftlichen und meteorologischen Fakten.

Die Berichte des IPCC gelten als „Wasserstandsbericht“ der weltweiten Klimaforschung. Alle Analysen sind umfassend und füllen Tausende Seiten.
Hunderte von ehrenamtlichen und international anerkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dutzenden Ländern wirken an den IPCC-Berichten mit. Ihre Ergebnisse gelten als Basis für alle internationalen Klimaverhandlungen.
Verzögerungen durch wenige Länder
Mitte Oktober hatte das IPCC-Präsidium die Medien darüber informiert, dass einige Länder den Zeitplan für den nächsten Bericht blockieren würden. Und damit es noch schlimmer kommt: auch über ein Budget gab es keine Einigung.
Die Meldung kam zur Unzeit - in einem Jahr, dass vermutlich als das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen gilt. Es war geplant, dass zentrale Teile des sogenannten siebten Sachstandsberichts, kurz AR7, spätestens im Jahr 2028 erscheinen sollten, und zwar rechtzeitig zur Klimakonferenz im selben Jahr, der COP 33.
Eine Gruppe von Staaten, darunter Saudi-Arabien, China, Indien und Russland, hat darauf gedrängt, die Veröffentlichung um ein Jahr zu verschieben. Ihr Argument: der Sachstandsbericht müsse mehr Erkenntnisse und Daten aus Ländern des Globalen Südens einfließen. Und dafür benötige man eben mehr Zeit.
Verzögerung mit Taktik
Die Debatte zog sich in der entscheidenden Plenarsitzung des Gremiums in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, dermaßen in die Länge, dass es am Ende weder eine Einigung über den Zeitplan noch über das Budget gab.
Dies führte dazu, dass Teilnehmer von der bislang schwersten inneren Krise des Weltklimarats sprechen.
sagte Carl-Friedrich Schleussner vom internationalen Institut für angewandte Systemanalyse im österreichischen Laxenburg in einem Interview des SPIEGEL.
Schleussner ist Teil des aktuellen Teams, dass den neuen Sachstandsbericht erstellen soll. Durch die Verschiebungen sei es völlig unklar, ob wichtige Forschungstreffen überhaupt stattfinden können.
Die verschobene Entscheidung zum Budget trifft ausgerechnet die Teams aus den Entwicklungsländern, die sich die Anreise zu- und den Aufenthalt an den Tagungsorten ohne eine finanzielle Förderung durch den IPCC nicht leisten können.
Kritischer Zeitpunkt
Nun könnte man meinen, dass eine Verzögerung um ein Jahr bei den vielen anderen Klimaberichten aus renommierten wissenschaftlichen Kreisen nichts ausmachen würde.
Das Hauptproblem der Verzögerung ist die Weltklimakonferenz COP 33, der ohne einen neuen Sachstandsbericht die Verhandlungsgrundlage fehlt. Bei dieser Konferenz steht eine globale Bestandsaufnahme an, die Aufschluss darüber geben soll, wie weit die Welt beim Erreichen ihrer Klimaziele vorangekommen ist.
Oder natürlich auch wie weit die Welt noch vom Erreichen der Klimaziele entfernt ist.
Dieser „global stocktake“ wäre erst der zweite seiner Art überhaupt. Er sollte als Grundlage für die Klimapolitik der kommenden Jahrzehnte dienen.
Uns geht die Zeit aus!
Durch den fehlenden Sachstandsbericht erscheinen strengere Klimaschutzvereinbarungen derzeit nahezu unwahrscheinlich. Dabei erkennt die Welt mehr und mehr, dass uns die Zeit ausgeht.
Nach einem UN-Bericht der vergangenen Woche steuert die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts auf eine Erwärmung um 2,8 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu.
Damit lägen wir knapp doppelt über dem 2015 im Pariser Klimaabkommen formulierten 1,5-Grad-Ziel. Die Entscheidungen von Paris hätten dazu dienen sollen, die schlimmsten Folgen des Klimawandels noch zu verhindern.
Kippt das 1,5-Grad-Ziel?
Zahlreiche wissenschaftliche Studien der letzten beiden Jahre sprechen dafür, dass diese Marke zumindest zeitweise überschritten sein könnte. Noch lasse sich die Entwicklung laut dem UN-Bericht zurückdrehen.

Was dafür notwendig wäre, ist allen Beteiligten eigentlich klar, ohne dass die Welt bisher nach diesen Erkenntnissen handelt:
Eine Reduzierung um 18 % wäre bis 2030 notwendig. Bis 2035 müssen die Emissionen um 45 % sinken. Geradezu unvorstellbar erscheint derzeit der Prozentsatz von 69 %., um den die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2040 sinken müssten. Alle diese Prozentsätze beziehen sich auf das Ausgangsniveau von 2025.
Gleichzeitig hat sich im Pazifik ein El Nino entwickelt. die sämtlichen bisherigen Maßstäbe sprengen könnte. Das Klimaphänomen begünstigt in einigen Regionen der Welt Dürren und löst in anderen Regionen heftige Regenfälle aus. Zwar ist ein El Niño ein natürliches Phänomen. Allerdings betonen Meteorologen und Klimawissenschaftler, dass seine Intensität dermaßen zunimmt, weil die Weltmeere durch den Klimawandel so stark erwärmt sind.
Betroffene Länder wehren sich gegen die Verzögerung
Angesichts dieser Entwicklungen ist es gut erklärbar, dass die mögliche Verzögerung des IPCC-Berichts für Ärger sorgt, und zwar genau bei Ländern, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind.
sagte Jess Gasper, Staatssekretär für Umwelt der Marshallinseln, in einem Interview des britischen GUARDIAN. Die Atolle dieser Inselgruppe im Pazifik liegen nur zwei Meter über dem Meeresspiegel und könnten in den kommenden 50 Jahren unbewohnbar werden.
Gaspers Kritik lässt erahnen, dass hinter der Verzögerung nicht nur der vermeintliche Wunsch nach „mehr wissenschaftlicher Forschung aus dem Globalen Süden“ stecken dürfte.
China ist der weltweit größte Emittent von Treibhausgasen. Saudi-Arabien ist der zweitgrößte Ölproduzent. Indien will sich den Kurs einer aufstrebenden Wirtschaftsmacht nicht durch weltweit vereinbarte Klimaschutzpläne verderben lassen. Und Russlands Wirtschaft ist gebeutelt vom Krieg gegen die Ukraine.
Es scheint daher sehr gut erklärbar, warum alle vier Staaten wenig Interesse daran haben, dass über ihre Klimabilanz in der Weltöffentlichkeit verhandelt wird.
In dieser Aufzählung dürfen natürlich die USA nicht fehlen, die unter ihrem amtierenden Präsidenten Präsident Donald Trump sowohl das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt- als auch ihre aktive Mitarbeit beim IPCC eingestellt haben.
We will keep working - an open letter
In einem offenen Brief versicherten mehr als 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an dem aktuellen IPPC-Bericht arbeiten, dass ihre Datengrundlage im Vergleich zum vorherigen Bericht noch umfassender geworden sei. Auch berücksichtige ihre Arbeit jeden Kontinent und jeden Bereich, der für die Treibhausgasemissionen verantwortlich sei.
In ihrem Brief drängen Sie darauf, den Zeitplan unbedingt einzuhalten, denn die Klimakonferenz im Jahr 2028 könne ihren Zweck ohne die neueste Bewertung des IPCC de facto nicht erfüllen.
schrieben die Wissenschaftler
Artikelreferenz
UNEP. (2026). Emissions Gap Report 026.