Jetlag über dem Atlantik: Auch Zugvögel lassen sich durch die innere Uhr vom Kurs abbringen

Auch Atlantiksturmtaucher durchleben einen Jetlag: Auf ihren Flügen zwischen den britischen Brutkolonien und den westlichen Futtergebieten gerät ihre innere Uhr aus dem Gleichgewicht. Die Auswirkungen lassen sich sogar via GPS messen. Die Vögel können die Abweichung jedoch schnell korrigieren.

Ein Atlantiksturmtaucher im Flug vor der Insel Skomer in Pembrokeshire, Wales. Bild: Dr. Joe Wynn
Ein Atlantiksturmtaucher im Flug vor der Insel Skomer in Pembrokeshire, Wales. Bild: Dr. Joe Wynn

Menschen kennen das Phänomen nach Langstreckenflügen: Der Körper lebt noch in einer anderen Zeitzone, obwohl draußen längst der neue Tagesrhythmus vorherrscht. Auch bei Seevögeln kann durch längere Flüge Ähnliches passieren.

Atlantiksturmtaucher etwa pendeln zwischen ihren britischen Brutkolonien und den im Westen liegenden Futtergebieten in der Irischen See und im Nordostatlantik hin und her. Dabei überqueren sie mehrere Längengrade – und bringen offenbar ihre innere Uhr durcheinander. Doch trotz messbarer Navigationsfehler finden die Tiere immer zuverlässig zurück zu ihren Brutkolonien.

Ein Kompass, der nach der Sonne geht

Zur Orientierung nutzen die Seevögel unter anderem den Sonnenstand. Dabei müssen sie aber beachten, dass die Sonne im Tagesverlauf über den Himmel wandert. Die Zeitkompensation übernimmt eine innere Uhr, welche die Ortszeit vor allem über Morgen- und Abenddämmerung ableitet.

GPS-Datensatz aus 20 Jahren von rund 1000 Atlantiksturmtauchern und 3500 Nahrungsflügen. Die Hinflüge zu den Nahrungsgebieten sind blau dargestellt, die Rückflüge orange. Bild: Lewin et al., 2026
GPS-Datensatz aus 20 Jahren von rund 1000 Atlantiksturmtauchern und 3500 Nahrungsflügen. Die Hinflüge zu den Nahrungsgebieten sind blau dargestellt, die Rückflüge orange. Bild: Lewin et al., 2026

Bei schnellen Reisen nach Westen oder Osten passt die innere Uhr aber nicht mehr zur tatsächlichen Sonnenposition. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Tiere dieselbe Diskrepanz zwischen ihrer inneren Uhr und der Ortszeit erleben wie wir beim Jetlag“, erklärt der leitende Forscher Dr. Patrick Lewin von der Fakultät für Biologie der Universität Oxford. In der Folge könnte das Navigationsfehler bedeuten.

GPS-Daten zeigen Abweichungen

Für die Untersuchung wurden GPS-Daten von 1045 freilebenden Atlantiksturmtauchern ausgewertet. Tracker hatten insgesamt 3688 Flüge zur Nahrungssuche aufgezeichnet. Untersucht wurden vor allem die Rückreisen zu den Brutkolonien in Großbritannien, weil diese als Ziel eindeutig festgelegt waren.

Auf dem Weg von Westen nach Osten wichen die Vögel zunehmend von ihrer direkten Route ab – teils um bis zu 15 Grad im Uhrzeigersinn. Die Abweichung nahm ungefähr um einen Grad pro überquertem Längengrad zu.

Zeitverschiebung, die während der Heimflüge von Atlantiksturmtauchern auftritt. Der Vogel beginnt seinen Heimflug an Punkt A. Am Punkt B führt die Abweichung dazu, dass sich der Sturmtaucher ungefähr 20° im Uhrzeigersinn von der tatsächlichen Flugrichtung weg orientiert. Bild: Lewin et al., 2026
Zeitverschiebung, die während der Heimflüge von Atlantiksturmtauchern auftritt. Der Vogel beginnt seinen Heimflug an Punkt A. Am Punkt B führt die Abweichung dazu, dass sich der Sturmtaucher ungefähr 20° im Uhrzeigersinn von der tatsächlichen Flugrichtung weg orientiert. Bild: Lewin et al., 2026

Das entspricht den Vorhersagen für einen Sonnenkompass, dessen innere Uhr hinter der Ortszeit zurückbleibt. Andere Erklärungen passten weniger gut zu den Flugspuren. Insbesondere fanden die Forschenden keine Hinweise darauf, dass eine fehlerhafte Orientierung am Erdmagnetfeld die Kursabweichungen erklären könnte.

Die Küste hilft

Näherten sich die Sturmtaucher der Küste, konnten sie sich zusätzlich daran orientieren. Sie korrigierten ihren Kurs, gaben den Sonnenkompass aber nicht vollständig auf. Selbst wenn ihm andere Hinweise offensichtlich widersprachen, floss die Sonne als Information weiter in die Navigation ein.

Das könnte darauf hindeuten, dass Sturmtaucher den Sonnenkompass zusammen mit anderen, kompassunabhängigen Verhaltensweisen nutzen, heißt es in der Studie, auch wenn diese sich scheinbar widersprechen.

Für die untersuchten Tiere bleibt der Umweg überschaubar. Die Forschenden schätzen, dass der gestörte Sonnenkompass auf einer Reise von 1000 Kilometern im Durchschnitt etwa fünf zusätzliche Kilometer verursacht. Die Autoren halten die Strecke für vernachlässigbar.

Mögliche Folgen für andere Wanderer

Für Arten mit längeren Zugstrecken könnte die Zeitverschiebung dennoch von Bedeutung sein. Denn wenn sich kleine Navigationsfehler über Tausende Kilometer summieren und unterwegs die Position nicht mit anderen Hinweisen abgeglichen werden kann, könnten die Tiere ihre Ziele erheblich verfehlen.

„Es ist grundsätzlich schwierig, die kognitiven Prozesse von Tieren in freier Wildbahn zu untersuchen“, sagt Professor Tim Guilford, Mitautor der Studie und ebenfalls von der Fakultät für Biologie der Universität Oxford. „Deshalb ist es so spannend zu erkennen, dass wir die zugrunde liegenden Verhaltensmechanismen aufdecken können, wenn wir ihre natürlichen Bewegungen genau genug messen.“

Letztlich eröffnet die Studie auch neue Möglichkeiten, den biologischen Einfluss des circadianen Rhythmus genauer zu untersuchen. „Vielleicht können uns diese Vögel, die regelmäßig weite Strecken zurücklegen, dabei helfen, zu verstehen, wie wir mit Jetlag umgehen und ihn behandeln können, um die wirklich negativen Auswirkungen auf unsere Gesundheit zu vermeiden“, sagt Lewin.

Artikelreferenz

Lewin, P., et al. (2026). Rapid longitudinal flights cause time shifts and Sun compass error. Science.