Wie Hummeln entscheiden: Neue Studie zeigt verblüffende Parallelen zum Menschen

Bei der Nahrungssuche treffen Hummeln täglich Hunderte Entscheidungen. Eine neue Studie zeigt nun, dass sie dabei erstaunlich ökonomisch vorgehen – und in ihrer Strategie dem Menschen ähnlicher sind, als lange vermutet.

Eine Hummel auf der Suche nach Nektar an einer Blüte. Bild: Anna Stöckl
Eine Hummel auf der Suche nach Nektar an einer Blüte. Bild: Anna Stöckl

Wer vor einem Supermarktregal steht und Erdbeeren auswählt, nutzt Farbe, Geruch und Erfahrung als Entscheidungshilfe. Auch Tiere stehen ständig vor vergleichbaren Wahlmöglichkeiten – nur oft in viel kürzerer Zeit. Hummeln etwa fliegen auf der Suche nach Nektar und Pollen täglich Hunderte Blüten an. Jede einzelne Landung ist das Ergebnis einer schnellen Abwägung: Lohnt sich die Blüte oder nicht?

„Aufgrund der Häufigkeit dieser Entscheidungen in kurzen Zeiträumen eignen sich Hummeln besonders gut, um Entscheidungsprozesse zu untersuchen.“

– Anna Stöckl, Neuroethologin, Universität Konstanz, Co-Autorin

Forschende der Universität Konstanz und der Universität Würzburg haben nun genauer untersucht, wie die Insekten Informationen über mögliche Nahrungsquellen verarbeiten – und welche Merkmale sie sich tatsächlich merken. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Science Advances veröffentlicht.

Ideal für die Entscheidungsforschung

Damit die Tiere nicht unnötig Energie verschwenden, müssen sie verlässliche Hinweise erkennen, die auf ergiebige Blüten hindeuten. Besonders wichtig ist dabei die Farbe. „Sie sind aber auch dazu in der Lage, Form, Muster und Düfte zu erkennen“, erklärt Anna Stöckl, Neuroethologin an der Universität Konstanz und Co-Autorin der Studie.

Um sich die gute Quelle zu merken, orientieren sie sich vor allem an der Farbe der jeweiligen Blüte.

Ähnlich wie Menschen, die gelernt haben, dass tiefrote Erdbeeren meist süßer sind als grünliche, speichern Hummeln Erfahrungswerte und greifen bei künftigen Entscheidungen darauf zurück.

Training mit Zuckerwasser

Um herauszufinden, wie viele Informationen Hummeln tatsächlich abspeichern, entwickelten die Forschenden ein kontrolliertes Experiment. Die Insekten wurden darauf trainiert, bestimmte Kombinationen aus Farbe, Form und Muster mit einer Belohnung zu verknüpfen.

So konnte etwa eine blaue, sternförmige Kunstblüte Zuckerlösung enthalten, während eine gelbe, runde Attrappe lediglich Wasser bot. In anderen Versuchsanordnungen unterschieden sich die Farben nur minimal, beispielsweise Gelb und Orange.

Nach mehreren Durchläufen zeigte sich ein klarer Lerneffekt: Die Hummeln steuerten gezielt jene Blüten an, die zuvor Zuckerwasser geliefert hatten. „Das war für uns das Zeichen, dass sie die Merkmale der Blüte abgespeichert hatten und in ihre Entscheidung einbezogen“, sagt Stöckl.

Farbe schlägt Form

Im nächsten Schritt wollten die Forschenden wissen, welches Merkmal für die Entscheidung ausschlaggebend ist. Dazu trennten sie die zuvor gemeinsam präsentierten Eigenschaften voneinander. Plötzlich war die vormals blaue Sternblüte gelb, während die runde Blüte blau erschien. Die Tiere standen vor einer neuen Situation: Farbe oder Form – was zählt mehr?

Dabei kam heraus, dass sich die Hummeln überwiegend an der Farbe orientierten. Sie erwarteten ihre Belohnung weiterhin bei der blauen Blüte, selbst wenn diese nun eine andere Form hatte. Erst als in einer weiteren Testphase sämtliche Blüten grau gefärbt waren und nur noch Form oder Muster unterschieden werden konnten, zeigte sich ein anderes Bild.

Lernen nach dem Effizienz-Prinzip

Entscheidend waren die Trainingsbedingungen: Wenn die Farben im Lernprozess klar unterscheidbar waren, speicherten die Hummeln offenbar nur diese Information. Waren die Farbtöne jedoch sehr ähnlich, merkten sie sich zusätzlich auch Form und Muster.

Hummeln, die an den Blüten mit den eindeutigen Farben trainiert wurden, benötigten deutlich weniger Zeit, bis sie gelernt hatten, welche Blüten sie für die Belohnung anfliegen mussten.

„Die Hummeln an den farblich ähnlichen Blüten brauchten für den Lernprozess hingegen länger“, erläutert Johannes Spaethe von der Universität Würzburg. Mit anderen Worten: Je komplexer die Unterscheidung, desto aufwendiger der Lernprozess.

So viel wie nötig – so wenig wie möglich

Für Anna Stöckl liegt darin der Kern der Erkenntnis: „Das Lernen und Abspeichern der Farbe allein erfordert vermutlich weniger Verarbeitungsaufwand als das Merken von Farbe und Form zugleich. Erst wenn die Farben ähnlich waren, lernten die Hummeln auch Formen und Muster.“ Dadurch dauerte das Lernen jedoch wiederum länger, sagt Stöckl.

So kommen die Insekten stets mit dem Prinzip ‚so viel wie nötig und so wenig wie möglich‘ zum bestmöglichen Ergebnis.

Die Hummeln wählen also eine Art kognitive Abkürzung. Sie investieren nur dann zusätzliche geistige Ressourcen, wenn die Situation es erfordert. Das macht ihre Entscheidungsstrategie bemerkenswert effizient – und erstaunlich menschlich. Denn auch wir greifen im Alltag zunächst zu einfachen Unterscheidungsmerkmalen. Erst wenn alle Optionen gleich aussehen, ziehen wir weitere Kriterien wie Duft oder Details heran.

Die Studie liefert damit Einblicke in das Verhalten eines wichtigen Bestäubers. Darüber hinaus zeigt sie, dass selbst kleine Gehirne komplexe strategische Entscheidungen treffen können – ressourcenschonend, flexibel und zielgerichtet.

Quellenhinweis:

Spaethe, J., Hutzenthaler, S., Dietz, A., Gehrig, K., Foster, J., & Stöckl, A. (2026): Bees flexibly adjust decision strategies to information content in a foraging task. Science Advances.

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