Einige Rochenarten entwickeln Augenflecken und andere nicht – das ist der Grund

Eine umfassende Studie zu über 580 Rochenarten beweist, dass auffällige Augenflecken kein Zufall sind. Sie entstehen nur unter besonderen ökologischen Bedingungen – als Teil eines umfassenden Abwehrsystems gegen Fressfeinde.

Bei Rochen und Rochenarten treten auffällige Markierungen typischerweise paarweise auf und befinden sich zentral auf den Brustflossen, wie beim Langnasen-Rochen (oben links), Rauen Rochen (oben rechts), Sternrochen (unten links) und Großen Rochen (unten rechts). Bilder: Andy Murch
Bei Rochen und Rochenarten treten auffällige Markierungen typischerweise paarweise auf und befinden sich zentral auf den Brustflossen, wie beim Langnasen-Rochen (oben links), Rauen Rochen (oben rechts), Sternrochen (unten links) und Großen Rochen (unten rechts). Bilder: Andy Murch

Die Unterwasserwelt ist ein Schauplatz ständiger Bedrohung. Für Echte Rochen, Stachel- und Geigenrochen bedeutet das, dass sie sich auf vielfältige Weise vor Räubern schützen müssen. Eine neue Untersuchung zeigt nun, warum einige Arten auffällige Muster wie Augenflecken entwickeln – während andere völlig darauf verzichten.

„Augenflecken entwickeln sich nur unter bestimmten ökologischen und defensiven Bedingungen. Sie sind eine von vielen Lösungen im evolutionären Wettrüsten zwischen Raubtier und Beute.“

– Madicken Åkerman, Universität Stockholm, Hauptautorin

Die Forschenden der Universität Stockholm analysierten mehr als 580 Arten und deckten damit über 90 Prozent aller bekannten Vertreter dieser Fischgruppe ab. Statt einzelne Merkmale isoliert zu betrachten, untersuchten sie, wie verschiedene Abwehrstrategien zusammen ihre Wirkung entfalten. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass man das gesamte Spektrum an Möglichkeiten zur Abwehr von Raubtieren betrachten muss“, sagt Hauptautorin Madicken Åkerman.

Vielfältige Überlebensstrategien

Rochen sind unterschiedlichsten Gefahren ausgesetzt – von Haien über Meeressäuger bis hin zu großen Raubfischen. Entsprechend breit ist ihr Repertoire an Verteidigungsmechanismen: Einige Arten verfügen über elektrische Organe, mit denen sie Angreifer abschrecken können. Andere besitzen giftige Stacheln am Schwanz. Wieder andere verlassen sich auf Tarnung und graben sich in den Meeresboden ein, um unsichtbar zu werden.

Auffällige Zeichnungen, die häufig bei Schmetterlingen (a) zu finden sind, zum Beispiel beim Brasilianischen Bananenfalter (b), Amerikanischen Augenfalter (c) und Blauen Schimmerscheckenfalter (d), ähneln oberflächlich den auffälligen Markierungen bei Rochen (e), zum Beispiel beim Vieräugigen Spiegelrochen (f), Ocellen-Zitterrochen (g) und Velez-Rochen (h). Bild: J. L. F., Amy Rowley, Andy Murch
Auffällige Zeichnungen, die häufig bei Schmetterlingen (a) zu finden sind, zum Beispiel beim Brasilianischen Bananenfalter (b), Amerikanischen Augenfalter (c) und Blauen Schimmerscheckenfalter (d), ähneln oberflächlich den auffälligen Markierungen bei Rochen (e), zum Beispiel beim Vieräugigen Spiegelrochen (f), Ocellen-Zitterrochen (g) und Velez-Rochen (h). Bild: J. L. F., Amy Rowley, Andy Murch

Die Studie zeigt, dass Arten mit solchen starken Abwehrmitteln nur selten auffällige Muster entwickeln. Kleine Arten ohne solche Schutzmechanismen setzen hingegen häufiger auf Augenflecken.

Augenflecken sind keineswegs zufällig.

Co-Autor John Fitzpatrick erklärt: „Sie entwickeln sich in der Regel bei Arten, denen starke physische Abwehrmechanismen wie giftige Schwanzstiche oder Elektroschocks fehlen und die in hellen, flachen Gewässern leben, in denen visuelle Signale wirksam sind.“

Baukasten der Evolution

Die Ergebnisse legen nahe, dass sich im Laufe der Evolution unterschiedliche Mittel zur Verteidigung herausgebildet haben. Arten wählen demnach nicht beliebig ihre Strategien, sondern folgen klaren Mustern. „Die Evolution scheint verschiedene Verteidigungsstrategien zu bevorzugen“, sagt Åkerman.

Wenn man bereits über eine starke mechanische oder elektrische Verteidigung verfügt, braucht man kein zusätzliches visuelles Warnsignal.

Ein auffälliges Erscheinungsbild ist demnach kein zusätzliches Extra, sondern eine Alternative zu anderen Schutzmechanismen. Die Evolution optimiert, statt wahllos zu kombinieren.

Augenflecken entstehen schrittweise

Besonders überraschend ist die Erkenntnis, wie Augenflecken überhaupt entstehen. Sie tauchen offenbar nicht plötzlich auf, sondern entwickeln sich stufenweise. Zunächst bilden sich einfache Flecken oder Muster. Erst im Laufe der Zeit entstehen daraus die charakteristischen konzentrischen Augenkreise.

Zuerst entstehen andere Markierungen, die sich im Laufe der Zeit zu Augenflecken verfeinern.

Statistisch gesehen ist es rund hundertmal wahrscheinlicher, dass sich zunächst einfache Markierungen entwickeln als direkt komplexe Augenflecken. „Es scheint sich um einen schrittweisen Prozess zu handeln“, fasst Fitzpatrick zusammen.

Sichtbarkeit als Nachteil

Doch evolutionäre Anpassungen sind nicht dauerhaft garantiert. Die Studie zeigt auch, dass auffällige Muster häufig wieder verschwinden. Der Grund dafür liegt im Lebensraum.

In großen Tiefen, wo kaum Licht hinkommt, verlieren visuelle Signale ihre Wirkung. Dort überwiegt der Nachteil, entdeckt zu werden – ohne den Nutzen der Abschreckung. In solchen Umgebungen setzt sich daher erneut die Tarnung durch. Die Evolution reagiert flexibel auf Umweltbedingungen – und streicht, was nicht mehr funktioniert.

Die Forschung macht deutlich, dass selbst scheinbar einfache Merkmale wie Augenflecken das Ergebnis komplexer Wechselwirkungen sind. Erst das Zusammenspiel von Umwelt, Körperbau und Bedrohungsszenarien erklärt, warum manche Arten auffallen – und andere lieber unsichtbar bleiben.

Quellenhinweis:

Åkerman, M., Gomes, A. C. R., Wheatcroft, D., et al. (2026): The evolution of eyespots in skates and rays. Nature Ecology & Evolution.

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