Nahezu unsterblicher Grönlandhai: Warum ein alterndes Herz nicht zwingend das Ende bedeutet
Der Grönlandhai kann mehrere Jahrhunderte alt werden. Eine neue Studie zeigt nun, dass sein Herz deutlich altert – doch statt zu sterben, kann der Körper die Schäden erstaunlich gut verkraften.

Als Methusalem der Meere zählt der Grönlandhai zu den faszinierendsten Lebewesen der Erde. Mit einer geschätzten Lebensdauer von bis zu 400 Jahren gilt er als das langlebigste bekannte Wirbeltier. Seine extrem langsame Entwicklung, ein reduzierter Stoffwechsel und die späte Geschlechtsreife – oft erst nach rund 150 Jahren – machen ihn zu einem außergewöhnlichen Forschungsobjekt.
Wissenschaftler erhoffen sich von ihm, grundlegende Einsichten zum Altern zu gewinnen. Besonders spannend ist dabei die Frage, wie es dem Tier gelingt, über so lange Zeiträume hinweg am Leben zu bleiben.
Das Geheimnis der Langlebigkeit
Frühere Studien an langlebigen Arten legen nahe, dass diese über besonders effektive Schutzmechanismen verfügen. Dazu zählen verbesserte DNA-Reparatur, stabile Zellprozesse und ein gut reguliertes Immunsystem.
Auch beim Grönlandhai deuten genetische Analysen darauf hin, dass Gene zur Entzündungshemmung und Krebsabwehr eine wichtige Rolle spielen. Doch wie sich das konkret im Gewebe auswirkt, wurde bisher kaum untersucht. Ein internationales Forschungsteam um Prof. Alessandro Cellerino von der Scuola Normale Superiore in Pisa, Italien, und dem Leibniz-Institut für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena, hat nun erstmals gezielt das Herz des Tieres analysiert. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Aging Cell veröffentlicht.
Für ihre Untersuchung verglichen die Forschenden den Grönlandhai mit zwei anderen Fischarten. Der Türkise Prachtgrundkärpfling, der nur wenige Monate lebt, dient als Modell für beschleunigtes Altern. Der Laternenhai hingegen ist ein naher Verwandter des Grönlandhais, erreicht jedoch lediglich ein Alter von etwa zehn Jahren. Durch den Vergleich konnten die Wissenschaftler besser einordnen, welche Zellveränderungen typisch für unterschiedliche Lebensspannen sind.
Klare Alterungsspuren am Herzen
Die Ergebnisse überraschten, denn das Herz des Grönlandhais zeigt klare Anzeichen von Alterung. Dazu gehört unter anderem eine ausgeprägte Fibrose, also die Zunahme von Bindegewebe im Herzmuskel. Zusätzlich fanden sich große Mengen des Alterspigments Lipofuszin, das als klassischer Marker für Zellverschleiß gilt. Auch Hinweise auf Schäden an den Mitochondrien und vergrößerte Lysosomen wurden entdeckt. Ein weiterer Befund waren erhöhte Werte von 3-Nitrotyrosin, ein Indikator für oxidativen Stress.

„Alles in allem zeigten die analysierten Proben des Grönlandhais deutlich erkennbare Anzeichen klassischer Alternserscheinungen auf molekularer und Gewebeebene“, erklärt Prof. Cellerino. „Die belegen, dass auch bei dieser Art Alternsprozesse im Herzgewebe stattfinden.“
„Die gleichen Schäden in einem menschlichen Herzen wären nicht mit dem Leben vereinbar“, so Prof. Cellerino. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Grönlandhai zwar nicht vor alternsbedingten Schäden geschützt ist, aber bemerkenswert gut in der Lage ist, deren Auswirkungen zu kompensieren.“
Resilienz statt Unsterblichkeit
Die Studie legt nahe, dass die außergewöhnliche Lebensdauer des Grönlandhais nicht auf der Vermeidung von Schäden beruht. Vielmehr scheint seine Stärke darin zu liegen, mit diesen Schäden umgehen zu können.
Genetische Besonderheiten könnten dabei helfen, Defekte effizient zu reparieren oder ihre Folgen abzumildern. Einige Gene liegen sogar in mehrfacher Ausführung vor, was die Stabilität des Erbguts erhöhen könnte. Damit rückt ein Konzept in den Fokus, das auch für den Menschen interessant ist: biologische Widerstandsfähigkeit, auch Resilienz genannt.
Die Studie könnte perspektivisch auch für die Medizin von Nutzen sein. Statt ausschließlich nach Wegen zu suchen, Alterungsprozesse zu stoppen, könnte es sinnvoll sein, die Fähigkeit des Körpers zur Kompensation zu stärken. Ein besseres Verständnis davon könnte langfristig dazu beitragen, altersbedingte Krankheiten besser zu behandeln oder hinauszuzögern.
Quellenhinweis:
Chiavacci, E., Steffensen, K. F., Delaroche, P., Astoricchio, E., Poulsen, A. B., Brayson, D., Garibaldi, F., Lanteri, L., Pinali, C., Valente, G. R., Vignati, F., Steffensen, J. F., Shiels, H., Tozzini, E. T., & Cellerino, A. (2026): Resilience to Cardiac Aging in Greenland Shark Somniosus microcephalus. Aging Cell, 25, 5, e70505.
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