Was Eisangel-Wettbewerbe über Entscheidungen verraten: So beeinflussen soziale Informationen die Nahrungssuche

Wie wir Entscheidungen treffen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der persönlichen Erfahrung oder Hinweisen aus dem Umfeld. Eine großangelegte Studie mit Eisanglerinnen und Eisanglern in Finnland zeigt nun, wie stark unser Verhalten von sozialen Informationen und vorherigen Erfolgen beeinflusst wird.

Eisfischer, ausgestattet mit Equipment. Bild: Petri T. Niemelä
Eisfischer, ausgestattet mit Equipment. Bild: Petri T. Niemelä

Wenn Menschen nach Nahrung suchen, handeln sie selten nur auf Grundlage eigener Erfahrung. Ob beim Sammeln, Jagen oder Angeln – das Verhalten anderer dient oft als Orientierungshilfe. Genau diesem Zusammenhang ist nun eine internationale Forschungsgruppe in einer ungewöhnlichen Umgebung nachgegangen: bei Eisangel-Wettbewerben in Ostfinnland.

Die Entscheidungsforschung untersucht, wie Menschen Optionen wahrnehmen, bewerten und wählen, beispielsweise unter Unsicherheit, Zeitdruck oder sozialem Einfluss.

Beteiligt waren das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der Exzellenzcluster Science of Intelligence der TU Berlin sowie die Universität Ostfinnland in Joensuu. Insgesamt handelt es sich um eine der detailliertesten Feldstudien zur menschlichen Nahrungssuche überhaupt, deren Ergebnisse nun in Science veröffentlicht wurden.

Daten von gefrorenen Seen

Untersucht wurden 74 erfahrene Eisangler und Eisanglerinnen, die über zwei Jahre hinweg an zehn Wettbewerben auf zehn verschiedenen Seen teilnahmen. Jeder Wettbewerb dauerte drei Stunden. Insgesamt analysierten die Forschenden 477 einzelne Angeltrips und mehr als 16.000 Entscheidungen darüber, wo geangelt oder ein Platz verlassen wurde.

Die Untersuchung wurde erst durch moderne Technik möglich gemacht: GPS-Uhren zeichneten Bewegungen auf, tragbare Kameras lieferten Kontextinformationen. Aus den Daten entwickelten die Forschenden computergestützte Modelle, um die zugrunde liegenden Entscheidungsprozesse zu rekonstruieren.

Typische Orientierungshilfen

Die Analyse zeigt, dass Eisangelnde drei Informationsquellen kombinieren: eigene Fangerfolge, das Verhalten anderer Teilnehmender und ökologische Merkmale wie den Seegrund. Welche Quelle dominiert, hängt stark vom persönlichen Gelingen ab.

Ob Menschen sich eher auf andere oder auf sich selbst verlassen, hängt zu einem gewissen Grad von ihrem eigenen Erfolg ab.

Erstautor Alexander Schakowski erklärt: Wer erfolgreich ist, vertraut stärker auf eigenes Wissen. Wer längere Zeit nichts fängt, orientiert sich zunehmend an anderen Angelnden.

Eisfischer beim Angeln. Bild: Marwa Kavelaars
Eisfischer beim Angeln. Bild: Marwa Kavelaars

Nach einem Fang suchen Teilnehmende intensiver in der unmittelbaren Umgebung – ein Muster, das als flächenbegrenzte Suche (area-restricted search) bekannt ist. In Bereichen mit vielen anderen Anglern und Anglerinnen verstärkt sich das zusätzlich. Bleibt der Erfolg aus, greifen dagegen einfache Entscheidungsregeln: Nach längerer Fanglosigkeit wird der Standort gewechselt.

Trotz dieser allgemeinen Muster zeigten sich auch individuelle Unterschiede. Zum Beispiel nutzten Frauen soziale Informationen stärker als Männer. Ältere Teilnehmende blieben länger an einem Ort und mieden erfolglose Gebiete weniger konsequent. Auch die Umwelt spielte eine Rolle: In fischreichen Seen wechselten die Angelnden schneller den Standort, offenbar weil die Erfolgschancen insgesamt höher eingeschätzt wurden.

Bedeutung über das Angeln hinaus

Für die Forschenden ist die Studie auch ein methodischer Fortschritt. „Wir wollten raus aus dem Labor“, sagt Projektleiter Ralf Kurvers. Inspiriert von der Verhaltensforschung an Tieren kombiniere man erstmals großflächige Feldmessungen mit simulationsbasierten Modellen menschlicher Entscheidungen.

Co-Autor Raine Kortet sieht auch einen praktischen Nutzen. So könne das Vorgehen helfen, die Entstehung von Hotspots zu verstehen und Übernutzung zu vermeiden, etwa im Ressourcen- und Naturschutzmanagement. Eisangel-Wettbewerbe werden so zu einem Fenster, um grundlegende Mechanismen menschlichen Entscheidens besser zu verstehen.

Quellenhinweis:

Schakowski, A., Deffner, D., Kortet, R., Niemelä, P. T., Kavelaars, M. M., Monk, C. T., Pykälä, M., & Kurvers, R. H. J. M. (2026): High-precision tracking of human foragers reveals adaptive social information use in the wild. Science, 391, 6784, 1055.