Leise Laute, starke Bindungen: Wie Erdmännchen durch Rufe ihre soziale Ordnung festigen
Erdmännchen sind für ihr besonderes Sozialverhalten bekannt. Forschende konnten nun zeigen, dass die Tiere sanfte Rufe nutzen, um ihre sozialen Bindungen zu stärken. Damit vermeiden sie Konflikte und erhalten ihre komplexe Gruppenordnung aufrecht.

Wenn in der Kalahari-Wüste die Sonne aufgeht, beginnt für Erdmännchen ein festes Ritual: Die Tiere verlassen ihre Höhlen, setzen sich dicht beieinander in den Sand und wärmen sich im ersten Tageslicht. Dadurch regulieren sie die Körpertemperatur. Bei diesen morgendlichen Sonnenbädern lässt sich aber auch ein besonderes Sozialverhalten feststellen.
Forschende der Universität Konstanz, des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie und der Universität Zürich haben nun untersucht, wie Erdmännchen über Lautäußerungen soziale Nähe herstellen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Behavioural Ecology veröffentlicht.
Soziale Ordnung in streng geregelten Gruppen
Erdmännchen leben in hochorganisierten Gemeinschaften mit klarer Rangordnung. An der Spitze steht meist ein dominantes Paar, während untergeordnete Tiere Aufgaben wie Nachwuchspflege, Wachehalten und Revierverteidigung übernehmen. Für den Zusammenhalt solcher Gruppen ist soziale Bindung entscheidend. Bekannt ist zum Beispiel, dass die gegenseitige Fellpflege die Beziehungen stärkt und Spannungen abbaut.
Die meisten Arten der Kontaktpflege setzen jedoch räumliche Nähe und Zeit voraus. Gerade in größeren oder räumlich verteilten Gruppen kann beides knapp sein. Die Forschenden stellten daher die Frage, ob Erdmännchen alternative Wege nutzen, um ihre sozialen Beziehungen zu pflegen.
Beziehungspflege aus der Ferne
Schwerpunkt der Studie waren die sogenannte Sonnenrufe. Dabei handelt es sich um leise, tonale Laute, die Erdmännchen während der morgendlichen Sonnenbäder äußern. Die Rufe ähneln akustisch unterwürfigen Lauten, die sonst in Konfliktsituationen zu hören sind. In einem friedlichen Kontext übernehmen sie jedoch eine andere Funktion: soziale Kontaktpflege ohne Körperkontakt.
Vlad Demartsev, Postdoktorand am Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour der Universität Konstanz, spricht von einer möglichen „Beziehungspflege auf Distanz“. Laute könnten demnach körperliche Nähe ersetzen oder ergänzen. Um das zu überprüfen, führten die Forschenden Playback-Experimente direkt in der Kalahari durch.
Bei den Experimenten zeigte sich, dass untergeordnete Tiere besonders stark auf Rufe dominanter Erdmännchen reagierten. Dominante Tiere hingegen gingen kaum auf Laute rangniedriger Gruppenmitglieder ein.
Rang, Geschlecht und Bindungsstärke
Die asymmetrische Reaktion legt nahe, dass stimmliche Interaktion in der Hierarchie vor allem nach oben gerichtet ist. Sie könnte dazu dienen, Beziehungen zu ranghöheren Tieren zu stabilisieren oder Spannungen vorzubeugen.
Entgegen den Erwartungen reagierten Tiere nicht am stärksten auf eng verbundene Gruppenmitglieder. Vielmehr richteten sich die Lautantworten häufig an dominante Tiere, zu denen eine schwächere Bindung bestand.
Rufe statt Fellpflege
Die Ergebnisse stützen die Annahme, dass der Austausch von Lauten ähnliche soziale Funktionen erfüllt wie die körperliche Fellpflege. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass es sich bei diesen Lauten nicht um zufälliges Geplapper handelt, sondern um einen strategischen Teil des sozialen Lebens der Erdmännchen“, sagt Vlad Demartsev. Die kontinuierliche wechselseitige Interaktion signalisiere Kooperation und Engagement, was wiederum ein tolerantes Miteinander fördere und die soziale Verbundenheit verbessere.
Die Studie offenbart, wie wichtig stimmliche Kommunikation für komplexe soziale Systeme ist. Sie belegt außerdem, dass soziale Bindung nicht zwingend körperliche Anwesenheit erfordert. Gerade in Situationen, in denen physischer Kontakt begrenzt ist, könnten Laute eine wichtige Funktion übernehmen. Damit trägt die Studie auch zum besseren Verständnis der Kommunikation anderer Tierarten bei.
Die leisen Rufe im Morgenlicht der Kalahari entpuppen sich damit als fein abgestimmtes Instrument sozialer Ordnung – unscheinbar, aber von großer Bedeutung für das Zusammenleben der Erdmännchen.
Quellenhinweis:
Demartsev, V., Gall, G., Strandburg-Peshkin, A., & Manser, M. B. (2026): Dominance asymmetries shape vocal exchanges in meerkats. Behavioral Ecology.