Gletscherseen im Wandel: Neue Studie zeigt, welche enormen Chancen sich eröffnen – und wo die Grenzen liegen
Durch den Klimawandel entstehen weltweit neue Gletscherseen. Eine internationale Studie zeigt nun erstmals, wie viel Süßwasser sie speichern – und warum sorgfältig abgewogen werden muss, wie sie für Energieerzeugung und Versorgung eingesetzt werden.

Gletscherseen verändern weltweit das Gesicht ehemals eisiger Hochgebirgsregionen. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten massive Gletscherzungen lagen, breiten sich heute Wasserflächen aus, die von der fortschreitenden Eisschmelze gespeist werden. Die Seen werden zunehmend auch als Ressource begriffen – zugleich aber auch als empfindlicher Naturraum, der geschützt werden muss.
Ein internationales Forschungsteam der Universität Potsdam und der University of Leeds hat nun erstmals die globale Verteilung und das Wasservolumen von Gletscherseen erfasst. Mit den Studienergebnissen, die in der Fachzeitschrift Nature Water veröffentlich wurden, lassen sich Nutzungsmöglichkeiten und Schutzbedarf besser einschätzen.
Rasante Zunahme von Gletscherseen
Weltweit existieren inzwischen mehr als 71.000 Gletscherseen, die in Zahl und Ausdehnung weiter zunehmen. Als Haupttreiber beschleunigt der Klimawandel die Gletscherschmelze und füllt neue Senken mit Schmelzwasser. Damit wächst auch das globale Süßwasservolumen, das in diesen Seen gespeichert ist.
Direkte Messungen der Seetiefen sind bisher selten. Da solche Messungen technisch aufwendig und in Hochgebirgsregionen oft riskant sind, liegen nur für etwa 300 Gletscherseen verlässliche Volumendaten vor. Deswegen haben die Forschenden eine Methode entwickelt, mit der sich das Volumen aller gletschergespeisten Seen im Umkreis von zehn Kilometern um heutige Gletscher abschätzen lässt.
Wo das meiste Wasser liegt
Dabei kam heraus, dass rund 2000 Kubikkilometer Süßwasser weltweit in Gletscherseen gespeichert sind. Das entspricht mehr als dem 40-fachen Volumen des Bodensees. „Dieses enorme Wasservolumen ist jedoch äußerst ungleich verteilt“, erklärt Erstautor Dr. Georg Veh von der Universität Potsdam.
Über die Hälfte des gesamten Schmelzwassers entfällt auf nur 40 sehr große Seen. Das erklärt auch, warum Gletscherseen vor allem für bestimmte Weltregionen nützlich wären: Etwa zwei Drittel des globalen Gletscherseevolumens liegen in Grönland, Alaska und der kanadischen Arktis – dort, wo noch immer die mächtigsten Gletscher existieren. Allerdings sind die Regionen meist abgelegen, infrastrukturell kaum erschlossen und wirtschaftlich schwer nutzbar.

In den europäischen Alpen stellt sich die Lage anders dar. Hier befinden sich lediglich rund 0,2 Prozent des weltweiten Gletscherseevolumens. Da ein Großteil der alpinen Gletscher bereits verloren ist, wird sich die Menge künftig nur noch geringfügig verändern. Zudem sind Möglichkeiten der Wasserkraft bei vielen großen Alpenseen bereits ausgeschöpft.
Dennoch gibt es vereinzelt Ausnahmen. Ein Beispiel ist das geplante Gornerli-Projekt in den Schweizer Alpen, das den Bau einer etwa 85 Meter hohen Staumauer vorsieht.
Solche Eingriffe werfen jedoch grundlegende Fragen auf. Beispielsweise können Gletscherseen durch Sedimenteinträge ihre Gestalt rasch verändern. Simulationen zeigen, dass vor allem kleinere Seen innerhalb weniger hundert Jahre verlanden könnten. In den Alpen könnten ihre Volumina bis zum Jahr 2200 um bis zu 50 Prozent schrumpfen.
Als öffentliches Gut müssen Gletscherseen daher sorgfältig gemanagt werden. Die neuen Schätzungen können Entscheidungsträgern jetzt dabei helfen, zwischen wirtschaftlicher Nutzung, langfristiger Wasserversorgung und dem Schutz sensibler Lebensräume besser abzuwägen.
Quellenhinweis:
Veh, G., Schwanghart, W., Korup, O., & Carrivick, J. L. (2026): Evolving resource potential of glacial lakes with ongoing deglaciation. Nature Water.