Warum Finger in der Kälte ihre Farbe wechseln – so wirkt das Raynaud-Phänomen im Körper
Es beginnt oft unscheinbar: Ein kalter Morgen, der Griff nach dem Fahrradlenker – und plötzlich verlieren die Finger ihre Farbe. Erst werden sie weiß, dann bläulich, später rot und schmerzhaft. Was viele für eine harmlose Kälteempfindlichkeit halten, hat einen medizinischen Namen: Raynaud-Phänomen.

Dabei handelt es sich um eine Durchblutungsstörung, bei der sich kleinste Blutgefäße krampfartig zusammenziehen. Auslöser sind meist niedrige Temperaturen oder emotionaler Stress. Das Blut erreicht die Finger vorübergehend kaum noch – die Haut reagiert mit Farbwechseln, Taubheitsgefühl oder Schmerzen.
Wie häufig ist das Raynaud-Phänomen wirklich?
Schätzungen zufolge sind rund fünf Prozent der Bevölkerung betroffen. Eine Studie aus Hausarztpraxen im spanischen Valencia kommt jedoch auf niedrigere Werte: Nur etwa drei Prozent der untersuchten Patientinnen und Patienten zeigten typische Symptome. Viele von ihnen hatten zuvor nie eine Diagnose erhalten – ein Hinweis darauf, dass das Phänomen häufig unerkannt bleibt.
Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Oft beginnen die Beschwerden schon im jungen Erwachsenenalter, verlaufen mild und bleiben über Jahre unverändert.
Zwei Formen – und ein entscheidender Unterschied
Medizinisch wird zwischen einem primären und einem sekundären Raynaud-Phänomen unterschieden.
Die primäre Form ist die häufigere und in der Regel harmlos. Zwar reagieren die Gefäße überempfindlich, sie sind jedoch nicht dauerhaft geschädigt.
Anders bei der sekundären Form: Hier ist das Raynaud-Phänomen Ausdruck einer zugrunde liegenden Erkrankung, häufig einer Autoimmunerkrankung wie der systemischen Sklerose. In diesen Fällen kann es das früheste Warnsignal sein – oft Jahre bevor andere Symptome auftreten. Bleibt es unbeachtet, drohen schlecht heilende Wunden, Geschwüre oder sogar Gewebeverlust.
Wann Ärztinnen und Ärzte hellhörig werden
Bestimmte Merkmale gelten als Warnzeichen: Alarmzeichen sind, wenn das Phänomen erstmals nach dem 40. Lebensjahr auftritt, nur einzelne Finger oder eine Hand betroffen sind, der Daumen mitblass wird oder starke Schmerzen auftreten.
Um zwischen harmloser und ernster Ursache zu unterscheiden, kommen heute gezielte Untersuchungen zum Einsatz.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die sogenannte Nagelfalz-Kapillarmikroskopie. Sie macht kleinste Gefäßveränderungen sichtbar und kann Hinweise auf beginnende Bindegewebserkrankungen liefern. Ergänzend helfen Bluttests, Autoimmunprozesse früh zu erkennen.
The white -blue-red sequence of Raynauds phenomenon explained #MedEd (via JAMA) pic.twitter.com/ZM26z8ObQ1
— Keith Siau (@drkeithsiau) October 14, 2023
Was hilft – und wann behandelt werden muss
Für viele Betroffene reichen einfache Maßnahmen: warme Kleidung, Schutz vor Kälte, Stressreduktion und konsequenter Rauchverzicht. Reichen diese Schritte nicht aus, stehen Medikamente zur Verfügung, die die Gefäße erweitern und die Durchblutung verbessern.
Bei schweren Verläufen kommen Infusionstherapien oder in seltenen Fällen operative Eingriffe zum Einsatz. Ziel ist es, dauerhafte Durchblutungsstörungen und Folgeschäden zu verhindern.
Ein häufig unterschätztes Warnsignal
Das Raynaud-Phänomen ist weit verbreitet – und meist harmlos. Doch in einem Teil der Fälle ist es mehr als eine Reaktion auf Kälte. Es kann ein früher Hinweis auf ernsthafte Erkrankungen sein. Genau hinzuschauen, lohnt sich also – nicht nur im Winter.
Quellen
Haque A., Hughes M. (2020): „Raynaud's phenomenon“. Clinical Medicine (London), 20(6): 580–587. DOI: 10.7861/clinmed.2020-0754. PMCID: PMC7687329, PMID: 33199324.
Román Ivorra, J., Gonzálvez Perales, J., Fernández Carballido, C. et al. Prevalence of Raynaud’s Phenomenon in General Practice in the East of Spain. Clin Rheumatol 20, 88–90 (2001). https://doi.org/10.1007/s100670170076