Woher stammt das Mikroplastik in der Atmosphäre? Neue Studie widerlegt Herkunft aus dem Meer
Lange dachten Forscher, dass das Mikroplastik in der Luft aus dem stark verschmutzten Meer stammt. Doch neueste Untersuchungen widersprechen dem nun. Demnach sind es vor allem Ablagerungen auf der Erdoberfläche, etwa von Reifenabrieb, welche die größte Verschmutzung verursachen. Muss die Forschung umdenken?

Mikroplastik beschränkt sich nicht allein auf das Meer. Winzige Kunststoffpartikel zirkulieren weltweit in der Atmosphäre und erreichen selbst abgelegene Regionen der Erde, fernab jeglicher Emissionsquellen. Auch dort wird das Mikroplastik eingeatmet, lagert sich ab und kann ökologische wie gesundheitliche Folgen haben.
Eine neue Studie der Universität Wien hat nun die Herkunft des atmosphärischen Mikroplastiks gezielt untersucht. Demnach stammen deutlich mehr Partikel aus landbasierten Quellen als aus den Ozeanen – eine Erkenntnis, die bisherigen Annahmen widerspricht. Die Arbeit wurde aktuell in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Die Atmosphäre funktioniert dabei wie ein globales Transportsystem für Plastikpartikel. Mikroplastik kann über weite Distanzen verfrachtet werden, bevor es sich wieder auf der Erdoberfläche absetzt und Meere, Böden oder Eisflächen kontaminiert. Damit wird die Luft zu einer bisher unterschätzten Drehscheibe im globalen Plastikkreislauf.
Mikroplastik: Werte lange überschätzt?
Bei den Quellen der Mikroplastikpartikel handelt es sich einerseits um primäre Emissionen, etwa aus Reifenabrieb, synthetischen Textilfasern oder Industrieprozessen. Andererseits gelangen bereits abgelagerte Kunststoffe durch Wind erneut in die Luft, sowohl von Landflächen als auch von der Meeresoberfläche. Wie groß die jeweiligen Anteile tatsächlich sind, war lange unklar.
Das Team um Ioanna Evangelou, Silvia Bucci und Andreas Stohl vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Wien hat nun 2782 weltweit verteilte Einzelmessungen von atmosphärischem Mikroplastik aus bereits veröffentlichten Studien zusammengetragen. Die Daten wurden mit Simulationen des globalen Transportmodells abgeglichen.
Der Vergleich bestehender Emissionsabschätzungen ergab, dass sowohl die Mikroplastikkonzentration in der Luft als auch die Ablagerung auf der Erdoberfläche um mehrere Größenordnungen überschätzt werden. Das galt für Land- wie auch für Meeresregionen.
Zwanzigmal mehr Mikroplastik vom Land
Das Forschungsteam passte die Emissionsannahmen neu an; Land- und Ozeanquellen wurden getrennt berechnet. Das Ergebnis waren deutlich realistischere, aber auch überraschende Zahlen: „Die nun skalierten Emissionsabschätzungen zeigen, dass an Land über 20-mal mehr Mikroplastikpartikeln emittiert werden als vom Ozean“, sagt Andreas Stohl, leitender Autor der Studie.
– Ioanna Evangelou, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Wien, Erstautorin
Die Studie stellt einen wichtigen Fortschritt für das Verständnis des globalen Mikroplastikkreislaufs dar. „Die Datenlage ist allerdings immer noch nicht zufriedenstellend, es bestehen weiterhin große Unsicherheiten“, merkt Andreas Stohl an. Es brauche mehr Messungen, damit herausgefunden werden kann, wie viel Mikroplastik aus dem Verkehr und wie viel aus anderen Quellen stammt. „Auch die Größenverteilung der Partikel ist höchst unsicher, und damit die insgesamt in der Atmosphäre transportierte Plastikmenge“, gibt Stohl zu.
Quellenhinweis:
Evangelou, I., Bucci, S., & Stohl, A. (2026): Atmospheric microplastic emissions from land and ocean. Nature.