Grönland - und die Zukunft seines Eispanzers
Wenn Grönland weiter Eisflächen verliert, wird der globale Meeresspiegel steigen - und sein eigener Meeresspiegel wird fallen. Die Insel verändert sich so schnell durch die Eisschmelze, dass Wissenschaftler in einer Studie untersucht haben, wie das Innere der Erde funktioniert.

Die Meere werden in diesem Jahrhundert ansteigen. Diese Tendenz ist eindeutig und belegt. Die Geschwindigkeit des Anstiegs hängt von der weiteren Entwicklung der Land- und Meerestemperaturen und vor allen Dingen den Vorgängen, um das damit verbundene Abschmelzen und Schrumpfen von Gletschern und anderen großen Eisflächen ab.
Der Prozess des Anstiegs läuft aber nicht gleichmäßig wie in einer Badewanne ab, in die man einen Beutel Eiswürfel hineinlegt und zum Schmelzen bringt.
Physikalischer Vorgang als Besonderheit
Der Unterschied zum „Badewannen-Experiment“ liegt in einer Lastveränderung, die die Schmelzprozesse auslösen. An den Orten, an denen Gletscher schmelzen und schrumpfen, wird sich das Land darunter verändern, wenn die Last nachlässt.
Dies bedeutet, dass der Meeresspiegel zum Beispiel auf von Eis und Gletschern bedeckten Inseln fallen können, selbst wenn das Schmelzwasser sie an vielen anderen Stellen mit globaler Auswirkung steigen lässt.
Eine neue Studie hat sich speziell mit den möglichen Folgen für Grönland beschäftigt. Dessen schnell schmelzender Eisschild macht etwa ein Fünftel des aktuellen- und vermutlich zukünftigen Meeresspiegelanstiegs aus.
Das Paradoxon im Falle Grönlands aufgrund der Gletscherschmelze geht mit expandierenden Küstenlinien und ausgetrockneten Fjorden einher.
Studie bestätigt die Veränderungen
Die in Nature Communications veröffentlichte Studie zeigt, dass sich Teile der grönländischen Küste durch das Abschmelzen des Eispanzers viel stärker als erwartet verändern werden. Dies würde dazu führen, dass der Meeresspiegel um Grönland bis zum Jahr 2100 um 1 bis fast 4 Meter fallen könne.
West- und Südgrönland, einschließlich des wirtschaftlichen und kulturellen Zentrums der Insel, wird wahrscheinlich den Hauptteil der Veränderung tragen. Damit verbunden wären große Probleme für die Schifffahrt und damit auch für die Ernährungssicherheit.
Die Ergebnisse der Studie könnten der Inselverwaltung, aber auch den Behörden in Dänemark helfen, sich besser auf zukünftige Navigationsgefahren und Herausforderungen für die Veränderungen der Infrastruktur vorzubereiten.
Andra Garner, eine Klimatologin der Rowan University, die nicht an der Studie beteiligt war betonte in einem Interview, wie wichtig die Vorbereitung auf diese Veränderungen für Inseln wie Grönland seien
Die Veränderungen betreffen die Masse des riesigen Grönland-Eisschildes. Dieser ist etwa dreimal so groß wie der US-Bundesstaat Texas und an einigen Stellen mehr als 3 Kilometer dick ist.
Der Bowlingkugel-Effekt
Der gigantische Eispanzers drückt wie eine Bowlingkugel auf einer Matratze das Land darunter hinunter. Während der Eispanzer schmilzt - und damit die fiktive Bowlingkugel immer leichter wird- „springt“ das darunter liegende Land - also die fiktive Matratze - nach oben.
Nichts davon ist neu. Der Weltklimarat IPCC, die Klimagruppe der Vereinten Nationen, prognostizierte in ihren Voruntersuchungen, dass die Meere in einigen Regionen fallen würden. Allerdings ging man bisher von einem relativ bescheidenen Anstieg des Meeresspiegels aus.
Die Geophysikerin Lauren Lewright, eine Doktorandin an der Columbia University, fand jedoch zusammen mit ihrer Kollegin Jacqueline Austermann und anderen Forscherinnen und Forschern heraus, dass sich dieser Rebounding-Prozess - bekannt als glazial-isostatische Anpassung - in Grönland viel schneller als erwartet entfaltet.
Die Wissenschaftler haben nun berechnet, dass die schnellere Schrumpfung des Eises dazu führt, dass dieser Rebounding-Prozess schon innerhalb von Jahrzehnten anstelle von Jahrhunderten einsetzt. Wenn Forscher den beschleunigten Abfluss von Schmelzwasser in ihre Modelle einbauen, haben sie berechnet, dass die Meere Grönlands um 25% bis 65% mehr fallen werden, als herkömmliche Modelle vorhergesagt hätten.
Natalya Gomez, Geophysikerin an der McGill University, betonten ihr Vertrauen in die Ergebnisse der neuen Studie, war aber selbst nicht daran beteiligt. Sie hatte aufgrund eigener Berechnungen mit diesen Schwankungen gerechnet.
Die Lehren aus Grönland können Wissenschaftlern helfen, das unbekannte Zusammenspiel zwischen Gletscherschmelze und Meeresspiegel in alten geologischen Aufzeichnungen auf der ganzen Welt zu entwirren.
Das Wissen um diese Eisschildveränderungen seien wichtig, um die gegenwärtigen Beobachtungen zu verstehen und dann die Zukunft zu projizieren.
Was bedeuten die Veränderungen konkret?
In Grönland selbst wird das sich aufsteigende Land das einst untergetauchte Grundgestein aus den Tiefen der Häfen und Kanäle heben und damit große Navigationsgefahren schaffen. Empfindliche Ökosysteme von Muscheln, Algen und Krebstieren werden auf dem Trockenen sitzen.
Die Entwicklung entscheiden wir alle
Nur die zukünftigen Kohlendioxidemissionen bestimmen, wie sich das Abschmelzen der Eisschicht in Grönland entwickelt. Wenn die CO2-Emissionen auf der Welt bis zum Ende des Jahrhunderts unvermindert anhalten, könnte der Meeresspiegel in der Nähe von dickem, sich schnell zurückziehendem Eis wie dem grönländische Helheimer Gletscher bis 2100 um bis zu 3,8 Meter fallen.
Eine Reduzierung der Emissionen muss so ausfallen, dass die Erwärmung bis 2100 auf 2° C begrenzt sein muss. Dann würde dieser Rückgang in Helheim auf etwa einen halben Meter begrenzt bleiben.
Die Veränderungen in Grönland laufen noch nicht sehr dynamisch ab, da der größere Eisverlust erst im Laufe der kommenden Jahre eintritt, wenn sich die Erde und die Meere weiter erwärmen.
An einigen wenigen Stellen ist die Verschiebung bereits im Gange. Grönländische Fischer in der von Sisimiut stellen schon heute fest, wie sich der Strand in einen schmalen Fjord verlängert hat. Die Veränderungen sind also von den naturverbundenen Menschen auf Grönland mit bloßem Auge sichtbar.
Die große Insel unter viel Eis wird uns also in den kommenden Jahrzehnten immer wieder beschäftigen - auch ohne die abstrusen Trump-Pläne.
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Projections of 21st-century sea-level fall along coastal Greenland