Alte Ameise – neue Erkenntnisse: 40 Millionen Jahre altes Fossil in Goethes Bernsteinsammlung entdeckt
Fast zwei Jahrhunderte nach dem Tod Johann Wolfgang von Goethes trägt dessen wissenschaftliche Arbeit erneut Früchte. Für Aufsehen sorgt diesmal die Bernsteinsammlung des Dichters – eines der Exemplare enthält eine längst ausgestorbene Ameisenart.

Biologen der Friedrich-Schiller-Universität Jena haben in der Bernsteinsammlung des Dichterfürsten ein außergewöhnlich gut erhaltenes Fossil entdeckt. Es handelt sich um eine rund 40 Millionen Jahre alte Ameise, deren Erhaltungszustand so gut ist, dass neue Erkenntnisse zu der längst ausgestorbenen Art gewonnen werden konnten.
Die Untersuchung wurde in Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und der Klassik Stiftung Weimar durchgeführt, die Ergebnisse dazu erschienen im Fachjournal Scientific Reports. Ausgangspunkt war eine erneute Untersuchung von Goethes privater Bernsteinsammlung.
Blick ins Innere einer längst ausgestorbenen Art
In zweien der unscheinbaren Sammlungsstücke entdeckten die Forschenden drei fossile Einschlüsse: eine Trauermücke, eine Kriebelmücke und eine Ameise. Für das bloße Auge sind diese Tiere kaum sichtbar, da die Bernsteine ungeschliffen sind. Daher nutzte das Team modernste Bildgebung.
Besonders die Ameise weckte das wissenschaftliche Interesse. „Die Ameise gehört zur ausgestorbenen Art †Ctenobethylus goepperti (Mayr, 1868), die in Bernstein sehr häufig vorkommt“, erklärt Bernhard Bock vom Phyletischen Museum der Universität Jena. „Dank ihres guten Erhaltungszustands und der umfangreichen Untersuchungen konnten wir sie allerdings so detailliert beschreiben wie noch nie zuvor und neue Informationen über die Art und ihre Verwandtschaft gewinnen.“

Erstmals gelang es, nicht nur äußere Merkmale wie feine Körperbehaarung zu dokumentieren, sondern auch Strukturen im Inneren sichtbar zu machen. Endoskelettale Elemente im Kopf- und Brustbereich lieferten neue Hinweise auf die Morphologie der Ameise und ihre funktionellen Eigenschaften.
– Daniel Tröger, Universität Jena
Vergleiche mit der heute lebenden Ameisengattung Liometopum, die unter anderem in Nordamerika und wärmeren Regionen Europas vorkommt, erlauben Rückschlüsse auf die Lebensweise der fossilen Art. Demnach baute †Ctenobethylus goepperti vermutlich große Nester in Bäumen, was auch ihre häufige Einbettung in Harz erklären könnte.
Goethe eher an Optik interessiert
Goethe selbst sammelte Bernstein weniger aus naturwissenschaftlichem Interesse. Ihn faszinierten vor allem die optischen Eigenschaften des Materials. So fertigte er Linsen aus Bernstein an, um für seine Farbenlehre bestimmte Lichteffekte zu untersuchen. Die paläontologische Bedeutung fossiler Einschlüsse war zu seiner Zeit noch kaum absehbar. Dennoch besaß Goethe einschlägige Fachliteratur, denn die systematische Erforschung von Bernstein begann bereits im 18. Jahrhundert.
„Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse den Wert solch alter Sammlungen“, sagt Bernhard Bock. „Es ist schon faszinierend, dass ein Stück, das aus seiner Hand und Zeit stammt, in der diese Wissenschaft ihren Anfang nahm, uns heute noch so bereichern kann.“
Quellenhinweis:
Boudinot, B. E., Bock, B. L., Tröger, D., et al. (2026): Discovery of Goethe’s amber ant: its phylogenetic and evolutionary implications. Scientific Reports.