Ungleichheit: Wie Tiergruppen ausbeuterisches Verhalten bekämpfen und Machtmissbrauch vorbeugen
Dominanz entscheidet in vielen Tiergruppen über Zugang zu Nahrung, Raum oder Fortpflanzung. Doch jüngste Untersuchungen zeigen, dass mächtige Individuen keineswegs unantastbar sind. Andere Gruppenmitglieder entwickeln Strategien, um Ungleichgewichte auszugleichen und Macht zu begrenzen.

Ungleichheit wird häufig für ein Merkmal menschlicher Gesellschaften gehalten. Tatsächlich bilden sich jedoch auch in Tiergruppen Unterschiede heraus, etwa bei Einfluss, Ressourcen und sozialem Status. Neueste Forschungsergebnisse der Humboldt-Universität zu Berlin legen nahe, dass auch Tiere Lösungen dafür entwickelt haben, solche Machtgefälle zu regulieren.
Dabei genießen dominante Individuen zwar durchaus Vorteile, etwa in puncto Nahrung oder Fortpflanzung. Gleichzeitig müssen sie jedoch damit rechnen, dass andere Gruppenmitglieder eine übermäßige Machtausübung nicht dulden. Derartige Gegenmaßnahmen können den sozialen Einfluss der Mächtigen erheblich einschränken.
„Wenn mächtige Tiere aggressives Verhalten an den Tag legen, um sich einen besseren Zugang zu Nahrung oder Paarungspartner und -partnerinnen zu verschaffen, können andere Gruppenmitglieder mit Ausgleichsverhalten reagieren“, erklärt die Verhaltensbiologin Dr. Danai Papageorgiou von der Humboldt-Universität.
Ähnliche Muster bei Mensch und Tier
Zusammen mit internationalen Forschenden veröffentlichte Papageorgiou eine erste theoretische Untersuchung zum ausgleichenden Verhalten in Tiergesellschaften. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Trends in Ecology and Evolution veröffentlicht.

„Wir diskutieren für viele Tiergesellschaften ein breites Spektrum an Ausgleichsverhalten, das zwar unterschiedlich aussehen mag, aber auf ähnliche Weise funktioniert“, berichtet Papageorgiou. „Überraschend war die starke Überschneidung zwischen verschiedenen Kategorien des tierischen Ausgleichsverhaltens und denen, die aus kleinen menschlichen Gesellschaften bekannt sind.“
Das Konzept der Nivellierung stammt eigentlich aus den 1990er Jahren, vom Forscher Christopher Boehm, der das egalitäre Verhalten innerhalb von Jäger- und Sammlergesellschaften untersucht hatte. Demzufolge kann ausbeuterisches Verhalten sowohl in menschlichen als auch in nichtmenschlichen Verbänden dazu führen, dass Anführer ihre Macht verlieren – und sogar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.
Das Alphatier ist nicht allmächtig
Die Forschenden kritisieren, dass sich die Verhaltensforschung lange Zeit vor allem auf Konkurrenz und Dominanz konzentriert hat. Die neue Arbeit betrachtet dagegen Kosten und Nutzen von Macht für sämtliche Mitglieder einer Gruppe.
„Unsere Forschung zeigt, dass das Bild vom Alpha-Tier, das alles dominiert, nicht vollständig ist“, sagt Papageorgiou. Macht könne auch kontrolliert werden. „Das mächtige Individuum zahlt oft einen Preis dafür, dass es an anderer Stelle Macht ausübt.“
Beobachtungen aus verschiedenen Tierarten verdeutlichen das: Zwergmangusten können dominanten Artgenossen soziale Unterstützung oder Fellpflege verweigern. Bei Schimpansen, Mandrillen und Tüpfelhyänen schließen sich rangniedrigere Tiere mitunter zu Koalitionen zusammen, um dominante Individuen herauszufordern.
Auch Geierperlhühner zeigen bemerkenswerte Reaktionen: Monopolisieren Alphamännchen wichtige Nahrungsquellen, können benachteiligte Tiere gemeinsame Bewegungen der Gruppe auslösen und die Dominanten zum Folgen zwingen.
Insgesamt sind sowohl Ungleichheit als auch ausgleichendes Verhalten in Tiergesellschaften weit verbreitet, so das Fazit der Forschenden. Wann ausgleichendes Verhalten auftritt, sei abhängig von Kosten und Nutzen einer Handlung.
Künftige Studien sollen mithilfe von Langzeitdaten, GPS-Analysen, Drohnenaufnahmen und Experimenten klären, wann die Toleranzgrenze einer Tiergesellschaft überschritten wird und welche Bedingungen Ausgleichsverhalten auslösen.
Quellenhinweis:
Papageorgiou, D., Borgerhoff Mulder, M., Brosnan, S. F., & Strauss, E. D. (2026): Levelling: behaviours that constrain inequality in animal societies. Trends in Ecology & Evolution.