Warum Menschen ihr Verhalten erst ändern, wenn genug andere mitmachen – neue Studie erklärt soziale Wendepunkte
Viele gesellschaftliche Maßnahmen scheitern nicht an mangelndem Wissen, sondern am Verhalten der Menschen – zum Beispiel beim Klimaschutz. Eine neue Studie zeigt nun, dass das soziale Umfeld und persönliche Schwellenwerte darüber entscheiden, wann Menschen Veränderungen annehmen.

Politische Maßnahmen und gesellschaftliche Initiativen stoßen häufig auf Widerstand. Ob Energiesparen, neue Technologien oder Präventionsmaßnahmen – es dauert oft sehr lange, bis Neues allgemein akzeptiert wird. Bei größeren Herausforderungen wie dem Klimawandel oder der öffentlichen Gesundheit zeigt sich besonders deutlich, wie sehr soziale Dynamiken gesellschaftliche Veränderungen ausbremsen.
Eine aktuelle Studie der Universität Zürich liefert nun Hinweise darauf, warum gesellschaftlicher Wandel oft so langsam vonstattengeht. Die Forschenden zeigen, dass individuelle Einstellungen stark mit sozialen Netzwerken verwoben sind. Erst wenn genügend Menschen im eigenen Umfeld ein neues Verhalten übernehmen, steigt für viele die Bereitschaft, ebenfalls mitzumachen.
Die Untersuchung wurde in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour veröffentlicht. Sie analysiert, wie groß der soziale Einfluss sein muss, damit Einzelne ihre Haltung oder ihr Verhalten ändern.
Persönliche Schwellenwerte ausschlaggebend
Dabei entdeckten die Wissenschaftler individuelle Schwellenwerte, an denen sich erkennen lässt, wie viel soziale Unterstützung jemand benötigt, bevor er eine neue Idee oder Praxis übernimmt.
– Manuel S. Mariani, Universität Zürich, Institut für Betriebswirtschaftslehre
Einige Menschen probieren neue Ansätze sofort aus. Andere beobachten zunächst ihre Umgebung und entscheiden sich erst dann, wenn ein großer Teil ihres sozialen Umfelds den Schritt bereits gegangen ist. „Diese persönlichen Wendepunkte variieren stark“, erklärt Manuel S. Mariani vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.
Wie Wendepunkte gemessen werden
Um diese individuellen Schwellenwerte zu ermitteln, griff das Forschungsteam auf Methoden aus der Marktforschung zurück. In speziell entwickelten Umfrageexperimenten mussten die Teilnehmenden wiederholt zwischen verschiedenen Optionen wählen. Beispielsweise ging es um unterschiedliche Energiepolitiken oder um die Nutzung neuer Messaging-Apps.

Dabei wurde den Befragten jeweils angezeigt, wie viele andere Menschen diese Optionen bereits unterstützten. Auf diese Weise konnten die Wissenschaftler beobachten, ab welchem Grad an sozialer Zustimmung eine Person ihre Präferenz änderte.
„Mit diesem Ansatz können wir individuelle Wendepunkte direkt aus beobachteten Entscheidungen ableiten, anstatt sie zu erraten“, sagt Radu Tanase vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der UZH.
Strategien für große Veränderungen
Im nächsten Schritt prüften die Forschenden, ob sich das Ganze auch praktisch nutzen lässt. Mithilfe umfangreicher Computersimulationen analysierten sie reale soziale Netzwerke und testeten verschiedene Strategien, um gesellschaftliche Veränderungen in Gang zu setzen. Dabei sollte eine kleine Menschengruppe dazu bewegt werden, eine Innovation zuerst zu übernehmen, als sogenannte Early Adopters, um wiederum andere Personen zur Veränderung zu bewegen.
Die Ergebnisse zeigen, dass Strategien besonders erfolgreich sind, wenn zwei Faktoren kombiniert werden: die Struktur sozialer Netzwerke und die individuellen Schwellenwerte der beteiligten Personen.
Nutzen für den Klimaschutz
Die Ergebnisse könnten für viele Bereiche relevant sein, von der Klimapolitik bis zur öffentlichen Gesundheit. Vor allem in komplexen Netzwerken kann es sinnvoll sein, gezielt Personen anzusprechen, die stark vernetzt sind und mit vielen anderen in Kontakt stehen.
Besonders wirksam ist es, wenn sich in ihrem Umfeld bereits mehrere Menschen kurz vor einer Verhaltensänderung befinden. Auch beim Influencer-Marketing in sozialen Medien erweisen sich Algorithmen, die sowohl die Netzwerkstruktur als auch individuelle Schwellenwerte berücksichtigen, als besonders effektiv.
– René Algesheimer, Professor für Marketing for Social Impact, Universität Zürich
Die Forschenden sagen zwar, dass reale soziale Situationen komplexer sind als experimentelle Szenarien. Dennoch sehen sie ihre Arbeit als wichtigen Schritt zu wirksameren Strategien für gesellschaftlichen Wandel. „Unsere Studie zeigt, wie wichtig es ist zu wissen, wer bereit ist, sich zu ändern und wer nicht – und zu welchen Netzwerken die jeweiligen Personen gehören“, fasst René Algesheimer, Professor für Marketing for Social Impact, zusammen.
Quellenhinweis:
Tanase, R., Algesheimer, R., & Mariani, M. S. (2026): Integrating behavioral experimental findings into dynamical models to inform social change interventions. Nature Human Behaviour.