Studie: Europäischer Sommer könnte in manchen Jahren bis zu 42 Tage länger dauern
Neue Forschung zeigt: Europas Sommer könnte bis 2100 um bis zu 42 Tage länger dauern. Varvierte Sedimente und Klimamodelle belegen den Einfluss des Arktis-Erwärmungs-Trends auf die Saisonlänge.

In den letzten Jahrzehnten haben sich europäische Sommer deutlich verlängert, und extreme Wetterlagen treten häufiger auf. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass diese Entwicklung sogar in den kommenden Jahrzehnten noch zunehmen könnte: Unter bestimmten Klimaszenarien könnte der europäische Sommer in einigen Jahren um bis zu 42 Tage länger dauern als heute.
Varven – natürliche Zeitzeugen der Klimageschichte
Die Forschung basiert auf einer Kombination aus hochauflösenden Klimaarchiven und Klimamodellen. Forscher:innen nutzten varvierte Sedimente – jährlich laminierte Ablagerungen in Seen – als Zeitzeugen vergangener Klima- und Umweltbedingungen.
Diese Laminae, auch Varven genannt, entstehen durch saisonale Ablagerungsprozesse im Wasser und im Zuflussgebiet. Ihre Zusammensetzung, Farbe und Korngröße liefern präzise Informationen über Temperatur, Niederschlag, Eutrophierung oder andere Umweltveränderungen.
Dank dieser jährlich aufgeschlüsselten Sedimente konnten Wissenschaftler:innen die Sommer-Winter-Verhältnisse über die letzten zehntausend Jahre rekonstruieren (Zolitschka et al., 2015).
Einfluss des Latitudinal Temperature Gradient
Zentrale Erkenntnis der Studie: Das sogenannte Latitudinal Temperature Gradient (LTG) – der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Pol – steuert maßgeblich die Dauer und Intensität europäischer Sommer.
- Sinkt der Gradient, etwa durch die beschleunigte Erwärmung der Arktis, verändern sich die Strömungsmuster über dem Nordatlantik und Europa.
- Dies begünstigt längere sommerliche Wetterperioden und gleichzeitig mehr extreme Ereignisse wie Hitze und Starkregen (Martin-Puertas et al., 2025).
Daten aus zwei europäischen Seen
Die Rekonstruktion der Sommerdauer basierte auf Sedimentdaten aus zwei europäischen Seen: Nautajärvi in Finnland und Diss Mere in England.
Dabei zeigte sich, dass während des mittleren Holozäns – vor etwa 8.000 Jahren – der Sommer im Durchschnitt 195 Tage dauerte.
Sommerdauer hängt mehr vom LTG ab als von Temperaturen
Interessant ist, dass die Studie nicht nur Temperaturen betrachtet, sondern die eigentliche Saisonstruktur analysiert:
Varven erlauben die Erfassung, wie viel Anteil Sommer- und Winterwetter an einem Jahr hatten.
So konnte gezeigt werden, dass die Ausdehnung des Sommers stärker mit Veränderungen im LTG korreliert als mit reiner Mitteltemperatur. Damit liefert die Studie einen robusten, langfristigen Beobachtungshintergrund, der die Modellprojektionen stützt.
Bedeutung für Gesellschaft und Politik
Neben dem Klimawandel ist die Forschung auch ein Beleg für den Wert von Varven als hochaufgelöste Klimazeugen. Sie erlauben die präzise Datierung von Umweltveränderungen auf Kalenderjahresbasis und zeigen, wie natürliche Zyklen, Eisveränderungen, orbitaler Einfluss und menschliche Aktivitäten zusammenwirken.
Für Gesellschaft und Politik sind solche Daten besonders relevant, da sie frühzeitig Risiken durch längere Hitzesommer, Wasserstress oder landwirtschaftliche Herausforderungen sichtbar machen.
GeoBit ️
— Geology Bits of Knowledge (@geologyBits) January 6, 2026
Quaternary glacial varves are annual layered sediments in proglacial lakes from the Pleistocene. Each varve is a couplet: thicker light coarse silt/sand (summer meltwater) + thinner dark clay (winter settling). They record yearly glacial climate changes. pic.twitter.com/PDRdyo141N
Ausblick: Längere und extremere Sommer
Die Kombination aus jahrtausendealten Sedimentdaten und modernen Klimamodellen eröffnet damit ein einzigartiges Fenster in die Vergangenheit und die nahe Zukunft. Eines steht fest: Europäische Sommer könnten künftig nicht nur länger, sondern auch extremer werden – mit erheblichen Folgen für Ökosysteme, Landwirtschaft und Mensch.
Quellen
Martin-Puertas, C., Boyall, L., Hernandez, A. et al. Consistent response of European summers to the latitudinal temperature gradient over the Holocene. Nat Commun 16, 9969 (2025). https://doi.org/10.1038/s41467-025-65804-x
Zolitschka, B., Francus, P., Ojala, A.E.K., Schimmelmann, A. (2015). Varves in lake sediments – a review. Quaternary Science Reviews, 117, 1–41. DOI: 10.1016/j.quascirev.2015.03.019