Menschliche Eingriffe in die Nordsee: Wie das Ausbaggern von Schlick und Sand das Wattenmeer verändert
Jüngste Untersuchungen zeigen, dass abgebautes Material durch Strömungen wieder angespült wird – was erneute Eingriffe nötig macht. Zudem wurde festgestellt, dass bei solchen Maßnahmen enorme Mengen an Kohlenstoff freigesetzt werden, weltweit bis zu 500 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr.

Der Abbau von Sand und Hafenschlick gehört seit Jahrzehnten zur Routine an den Nordseeküsten. Doch das Ausmaß der Eingriffe und deren Folgen für die Umwelt sind größer als bisher angenommen.
Eine neue Studie des Helmholtz-Zentrums Hereon zeigt nun erstmals, wie stark die Maßnahmen die Sedimentdynamik beeinflussen. Besonders betroffen ist das Wattenmeer, eines der ökologisch wertvollsten Gebiete Europas. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht.
Woher stammt der Sand?
Sand wird aus der Nordsee vor allem für den Bau von Hafenanlagen und für den Küstenschutz gewonnen. Beispielsweise wird vor Inseln wie Sylt oder Wangerooge regelmäßig Sand angespült, der durch Stürme und Brandung von den Stränden abgetragen wurde.
Gleichzeitig müssen Hafenbecken und Fahrrinnen ständig ausgebaggert werden, da sie sich sonst mit Schlick zusetzen. Das Material wird anschließend an anderer Stelle vor der Küste wieder ins Meer eingebracht, ein Vorgang, der als Verklappen bezeichnet wird. Wie groß die dadurch verursachten Materialbewegungen tatsächlich sind, haben die Forschenden des Hereon-Instituts für Küstensysteme nun berechnet.
– Dr. Lucas Porz, Experte für Sedimenttransport am Hereon
Die Studie zeigt, dass das verklappte Material keineswegs dauerhaft an seinem Ablageort verbleibt. Strömungen verteilen Sand und Schlick weiter, sodass sie sich teilweise erneut in Häfen oder Fahrrinnen absetzen – was weitere Baggerarbeiten erforderlich macht. Auch im Wattenmeer lagert sich langfristig ein erheblicher Teil des umgelagerten Materials ab, wie aus den Simulationen des Hereon hervorgeht.
Sedimente reichen nicht aus
Bereits frühere Untersuchungen des Hereon haben gezeigt, dass viele Wattflächen nicht mehr ausreichend mit dem steigenden Meeresspiegel mitwachsen. Der natürliche Sedimentnachschub reicht dafür nicht aus. Hier könnte gezielt eingesetztes Baggergut helfen.
Welche Gebiete dafür geeignet sind, wird derzeit untersucht. Allerdings ist insbesondere bei Hafenschlick Vorsicht geboten, da er chemisch belastet sein kann. Eine Umlagerung wäre nur nach sorgfältiger Umweltprüfung und im Einklang mit dem Naturschutz denkbar.

Neben den ökologischen Folgen für Lebensräume geht es auch um den Klimaschutz. Beim Baggern wird Kohlenstoff freigesetzt, der sich über lange Zeit im Meeresboden angesammelt hat.
Weltweit könnten so bis zu 500 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr aufgewirbelt werden – mehr als durch andere Offshore-Baumaßnahmen. Reagiert dieser Kohlenstoff mit Sauerstoff, entsteht Kohlendioxid.
Die Ergebnisse zeigen, dass Küstenschutz, Naturschutz und Klimapolitik eng miteinander verknüpft sind. Und sie zeigen auch, dass menschliche Eingriffe in die Meeresumwelt ganzheitlich betrachtet werden müssen.
Quellenhinweis:
Porz, L., Chen, J., Yilmaz, R. et al. (2026): Dredging and dumping impact coastal fluxes of sediment and organic carbon. Nature Communications, 17, 216.