Überalterte Zoobestände: Warum das schlecht für die Tiere und schlecht für den Artenschutz ist
In den Zoos Nordamerikas und Europas werden die Tiere immer älter. Forscher haben die Altersstrukturen der Zoobestände untersucht, und fragen nun, ob die Einrichtungen ihrem Anspruch an den Artenschutz noch gerecht werden können.

Moderne Zoos verstehen sich unter anderem als Artenschützer. Denn immer wieder haben Auswilderungsaktionen tatsächlich Tierbestände erhalten und Tierarten vor dem Aussterben gerettet. Doch genau diese Rolle ist zunehmend gefährdet. Eine neue Studie zeigt, dass in nordamerikanischen und europäischen Zoos viele Säugetierpopulationen stark überaltert sind – es stellt sich die Frage, wie zukunftsfähig das Konzept noch ist.
Die Untersuchung wurde federführend von der Universität Zürich durchgeführt, unter Beteiligung der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Aarhus sowie der Zoos in Zürich und Kopenhagen. Die Ergebnisse, die im renommierten Fachjournal PNAS veröffentlicht wurden, zeichnen ein ganz anderes Bild als jenes, das durch die Medienfotos niedlicher Zoobabys vermittelt wird.
Tatsächlich nimmt der Nachwuchs in vielen Zoos seit Jahren ab. Parallel steigt der Anteil älterer Tiere kontinuierlich an. Die demografische Schieflage gefährdet die Stabilität sogenannter Reservepopulationen, die als genetische Rückversicherung für bedrohte Arten dienen sollen.
Demografische Daten von Zootieren
Studiengrundlage waren Daten aus der internationalen Datenbank Species360. Dort erfassen mehr als 1200 Institutionen weltweit Informationen zu einzelnen Tieren, wie Alter und Geschlecht, Herkunft, Abstammung oder Fortpflanzungsstatus. Analysiert wurden 774 Säugetierpopulationen aus dem Zeitraum von 1970 bis 2023, davon 361 in Nordamerika und 413 in Europa.
Anhand der Langzeitdaten konnten die Forschenden dann die Altersstruktur der Populationen mithilfe von Alterspyramiden untersuchen. Das Team der Goethe-Universität entwickelte hierfür eine neue Methode, mit der sich komplexe demografische Muster automatisch klassifizieren lassen. Die entstehenden Muster werden dann auf Grundformen wie Pyramiden, Diamanten oder Säulen reduziert.
– Prof. Paul Dierkes, Didaktik der Biowissenschaften und Zootierbiologie, Goethe-Universität Frankfurt
Eine klassische Pyramidenform ist Zeichen einer gesunden Population: Viele junge Tiere bilden die Basis, nach oben hin nimmt der Anteil älterer Individuen ab. Solche Bestände sind widerstandsfähig gegenüber Krisen wie Krankheiten oder plötzlichen Verlusten.

Die Studie zeigt jedoch, dass in Zoos zunehmend diamant- oder säulenförmige Altersstrukturen dominieren. Die wiederum zeichnen sich durch wenige Jungtiere und einen hohen Anteil älterer Tiere aus, weswegen sie deutlich weniger stabil und resilient sind.
Mangel an reproduktionsfähigen Weibchen
Besonders alarmierend ist der Rückgang fortpflanzungsfähiger Weibchen. In nordamerikanischen Zoos sank ihr Anteil um 49 Prozent, in europäischen sogar um 68 Prozent. In einzelnen Populationen gibt es inzwischen keine reproduktionsfähigen Weibchen mehr.
Das hat weitreichende Folgen. Denn fehlender Nachwuchs schwächt nicht nur die genetische Basis, sondern verändert auch soziale Strukturen vieler Tierarten. Denn Fortpflanzung und Jungtieraufzucht gehören zu den elementaren Bedürfnissen von Säugetieren und sind deswegen auch Bestandteil einer artgerechten Haltung.
Verjüngung notwendig
Für den Artenschutz ist die Entwicklung hochproblematisch, weil Zoos, unter anderem gemäß der Weltnaturschutzunion IUCN, eine wichtige Rolle beim Erhalt der biologischen Vielfalt spielen. Voraussetzung dafür sind jedoch stabile, reproduktionsfähige und langfristig lebensfähige Populationen. „Dieser Trend muss unbedingt gestoppt und umgekehrt werden“, mahnt Erstautor Prof. Marcus Clauss von der Universität Zürich.
Prof. Paul Dierkes von der Goethe-Universität Frankfurt ergänzt, dass Zoos weit über den Artenschutz hinaus wirken. „Sinkende Tierzahlen und überalterte Bestände würden daher nicht nur den Artenschutz selbst, sondern auch die Bildungs- und Forschungsarbeit der Zoos erheblich beeinträchtigen.“ Um ihre internationale Verantwortung dauerhaft erfüllen zu können, müsse das Populationsmanagement stärker auf demografische Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.
Quellenhinweis:
Meireles, J. P., Hahn-Klimroth, M., Bingaman Lackey, L., van Eeuwijk, N., Bertelsen, M. F., Dressen, S., Dierkes, P. W., Abraham, A. J. & Clauss, M. (2026): Ageing populations threaten conservation goals of zoos. PNAS.
Hahn-Klimroth, M., Meireles, J. P., Bingaman Lackey, L., van Eeuwijk, N., Bertelsen, M. F., Dierkes, P. W. & Clauss, M. (2025): A semi-automatic approach to study population dynamics based on population pyramids. MethodsX.