Künstliches Licht ist schlecht für Meere: In Europa sind Adria und Mittelmeer besonders betroffen

Künstliches Licht dringt auch tief in Gewässer ein – wie man an Europas Meeren sieht. Eine neue Studie hat nun besonders gefährdete Regionen entdeckt. Jüngste Risikokarten zeigen, wie weit die Lichtverschmutzung von Küstenstädten und Offshore-Anlagen ins Meer reicht.

Lichtverschmutzung gefährdet nicht nur Tiere und Pflanzen an Land, sondern auch im Meer. Bild: Hans/Pixabay
Lichtverschmutzung gefährdet nicht nur Tiere und Pflanzen an Land, sondern auch im Meer. Bild: Hans/Pixabay

Künstliche Beleuchtung kann marine Ökosysteme erheblich beeinflussen. Das geht aus einer neuen Studie hervor. In deren Rahmen wurden das Risiko der Lichtverschmutzung für 15 europäische Meeresregionen bewertet. Besonders betroffen sind offenbar die Adria, die Ostsee und das westliche Mittelmeer. Vergleichsweise dunkel bleiben dagegen die offenen Gewässer um Island, die Barentssee und die Inseln Makaronesiens.

Studienleiter war Thomas Davies von der University of Plymouth, der die Forschungsarbeit gemeinsam mit Tim Smyth vom Plymouth Marine Laboratory und Kollegen aus Großbritannien und Italien erstellt hat. Die Forscher wollten eine Bewertungsgrundlage der Unterwasserbeleuchtung schaffen, weil die Behörden bisher fehlt.

„Interessant ist, dass die meisten europäischen Meere mit hohem oder mittlerem Risiko klein sind und rundum von entwickelten Küsten begrenzt werden, beispielsweise die Adria“, erklärt Davies gegenüber Earth.com. „In diesen Regionen konzentriert sich das maximale Expositionsrisiko auf die Küstennähe.“ Die Studie wurde im Fachjournal Ocean & Coastal Management veröffentlicht.

Schon winzige Lichtmengen beeinflussen Tiere

Als Maßstab verwendete das Team eine Lichtintensität von 0,1 Mikrowatt pro Quadratmeter. Der Schwellenwert basiert auf Untersuchungen an Ruderfußkrebsen, winzigen Krebstieren, die zu den lichtempfindlichsten bisher untersuchten Meerestieren zählen. Sie reagieren auf Licht und gehören zu den Organismen, die nachts vertikale Wanderungen zwischen verschiedenen Wasserschichten unternehmen.

Wissenschaftler haben festgestellt, dass das höchste Risiko für marine Lichtverschmutzung in Adria, Ostsee sowie im Golf von Biskaya besteht. Bild: James Wheeler/Pixabay
Wissenschaftler haben festgestellt, dass das höchste Risiko für marine Lichtverschmutzung in Adria, Ostsee sowie im Golf von Biskaya besteht. Bild: James Wheeler/Pixabay

Die Forschenden stuften die Belastung danach ein, wie tief das künstliche Licht ins Wasser eindringen kann. Erreicht es einen Meter unter der Oberfläche, gilt das Risiko als gering, bis zehn Meter als mittel und bei größeren Tiefen als hoch. Die Klassifizierung beschreibt allerdings die mögliche Exposition, und nicht nachgewiesene Schäden an Tieren.

In einem zehn Kilometer breiten Küstenstreifen der Adria wurden 56 Prozent der Wasserfläche als stark gefährdet und weitere 43 Prozent als mäßig gefährdet eingestuft. Im küstennahen westlichen Mittelmeer lag der Flächenanteil mit dem hohem Risiko sogar bei 73 Prozent.

Offshore-Anlagen bringen Licht aufs Meer

Normalerweise nimmt die Belastung ab, wenn die Entfernung zum Land zunimmt. Eine Ausnahme bildet die Großregion Nordsee, wo auch weit von der Küste entfernte Gebiete erhöhte Risikowerte aufweisen. Ursache dafür sind beleuchtete Öl- und Gasplattformen.

„In der Nordsee konzentriert sich das maximale Expositionsrisiko auf diese Offshore-Anlagen mitten im Meer“, sagt Davies. „Das bedeutet, dass die am stärksten betroffenen Arten und Ökosysteme ganz andere sein werden.“

Unterschied der Lichtverschmutzung zwischen pelagischer und benthischer Zone im Meer, also zwischen offenem Meer und Meer mit Bodensediment. Bild: Davies et al., 2026
Unterschied der Lichtverschmutzung zwischen pelagischer und benthischer Zone im Meer, also zwischen offenem Meer und Meer mit Bodensediment. Bild: Davies et al., 2026

Weil Wasser Licht absorbiert, ist die Belastung am Meeresboden geringer. Dennoch sind nahe der Biskaya und der Iberischen Küste die Werte erhöht. Zudem unterschätzt das Kartenraster mit einer Auflösung von einem Kilometer möglicherweise die Beleuchtung in Häfen und dicht bebauten Küstengebieten.

EU will Lichtverschmutzung erfassen

Die EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie erfasst den zwar Eintrag von Energie, bisher aber vor allem den Unterwasserlärm. Verbindliche Grenzwerte für künstliches Licht fehlen. Die Studie schlägt deshalb vor, die Belastung künftig systematisch zu bewerten.

„Diese Studie zeigt, dass das Wissen und die Instrumente vorhanden sind, um sinnvolle Kriterien zu entwickeln“, unterstreicht Davies. „Wir sind überzeugt, dass klare Belege für Risiken und Schäden vorliegen, die dringend in wirksame Maßnahmen umgesetzt werden müssen.“

Kommunen könnten etwa unnötige Beleuchtung vermeiden, Lampen abschirmen, Helligkeit reduzieren und wärmere Lichtfarben wählen. Denn besonders das kurzwellige blaue Licht dringt tief ins Wasser ein.

Die Forschenden geben jedoch zu, dass noch weitere Messungen nötig sind: Die Karte basiert allein auf Daten aus dem Juni 2019 und auf einer einzigen Spezies, daher muss die Lichtempfindlichkeit verschiedener Arten noch weiter untersucht werden.

Artikelreferenz

Davies, T. W., Thompson, O. R. R., O’Driscoll, B., Seddon, R., Maggi, E., Rossi, F., Borsani, J. F., & Smyth, T. (2026). A proposed methodology for defining the criteria of ‘Good Environmental Status’ for artificial light at night in marine waters. Ocean & Coastal Management.