Klimawandel im Mittelmeer: Ein Hotspot gerät aus dem Gleichgewicht – mediterrane Ökologie leidet zusehends
Der Klimawandel macht auch vor dem Mittelmeerraum nicht halt. Steigende Temperaturen und Meeresspiegel, veränderte Niederschläge und Küstenerosion bedrohen zusehends das ökologische Gleichgewicht. Heimische Tier- und Pflanzenarten leiden – invasive Arten breiten sich aus.

Das Mittelmeer – Sehnsuchtsort für viele Urlauber und zugleich bedeutender Naturraum. Doch auch hier bedroht der Klimawandel die Zukunft. Eine neue Studie zeigt nun, wie empfindlich die dortigen Meeres- und Küstenökosysteme auf selbst geringste Erwärmungen reagieren.
– Dr. Abed El Rahman Hassoun, chemischer Ozeanograph am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
Unter Leitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel haben die Forschenden per Metaanalyse 131 wissenschaftliche Arbeiten ausgewertet, die auf internationalen Klimaszenarien des Weltklimarats IPCC basieren. Die Ergebnisse machen deutlich, dass sich schon kleine Temperaturanstiege dramatisch auf Pflanzen, Tiere und Lebensräume auswirken.
Rekordtemperaturen und sichtbare Veränderungen
Im Sommer 2025 haben sich dann die Alarmsignale verschärft. Laut dem europäischen Erdbeobachtungsdienst Copernicus erreichte das Mittelmeer im Juli eine durchschnittliche Wassertemperatur von 26,9 Grad – so warm wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen.
Die Erwärmung ist nicht das einzige Problem. Belastungen wie Überfischung, Verschmutzung und die Zerstörung von Lebensräumen erhöhen das Risiko noch. „Die Folgen sind nicht nur Zukunftsszenarien, sondern sehr reale Risiken, die wir bereits heute beobachten können“, sagt Dr. Abed El Rahman Hassoun, chemischer Ozeanograph am GEOMAR.
Mittelmeer als Labor und Warnsignal
Das Mittelmeer ist ein fast abgeschlossenes Binnenmeer, verbunden mit dem Atlantik nur über die enge Straße von Gibraltar. Dadurch erwärmt und versauert es deutlich schneller als die offenen Ozeane. Zwischen 1982 und 2019 stieg die Oberflächentemperatur hier bereits um 1,3 Grad, weltweit im Schnitt nur um 0,6 Grad.

Forschende sprechen daher vom Klimawandel-Hotspot. „Was im Mittelmeer passiert, ist oft ein Vorbote für Veränderungen, die anderswo zu erwarten sind, sodass das Mittelmeer wie ein Frühwarnsystem für Prozesse wirkt, die später den globalen Ozean beeinflussen werden“, sagt Hassoun.
Verschiedene Szenarien
Die Studie unterscheidet zwei mögliche Entwicklungspfade. Bleibt es bei einem moderaten Emissionsszenario (RCP 4.5), könnte sich das Mittelmeer bis Ende des Jahrhunderts um weitere 0,6 bis 1,3 Grad erwärmen. Im ungünstigen Fall (RCP 8.5) würde die Temperatur jedoch um 2,7 bis 3,8 Grad steigen.
Die Folgen wären fatal: Seegraswiesen würden großflächig verschwinden, Korallenriffe massiv geschädigt und Nahrungsnetze durcheinandergebracht. „Diese Szenarien zeigen: Wir können noch etwas bewirken! Jedes Zehntelgrad zählt!“, warnt Hassoun.
Meeresbewohner bedroht
Besonders empfindlich reagieren Seegrasarten wie Posidonia oceanica, die schon bei einer Erwärmung um 0,8 Grad leiden und bis 2100 ganz verschwinden würden. Auch Seetangarten wie Cystoseira würden Schaden nehmen, derweilen wärmeliebende invasive Arten profitieren könnten.

Fischbestände geraten ab diesem Punkt ebenfalls unter Druck. Prognosen gehen von einem Rückgang um 30 bis 40 Prozent aus. Zugleich könnten sich invasive Arten wie der Rotfeuerfisch durchsetzen und die Biodiversität weiter bedrohen.
Korallen zeigen sich vergleichsweise robust, doch auch sie geraten bei Erwärmungen ab 3,1 Grad in akute Gefahr. Für Meeressäuger und Schildkröten fehlen umfassende Daten, aber Veränderungen im Wander- und Ernährungsverhalten gelten als wahrscheinlich.
Küsten unter Druck
Die ans Meer grenzenden Küsten sind ebenfalls betroffen. Schon ein zusätzlicher Temperaturanstieg von 0,8 Grad könnte Dünen, Strände und Felsküsten massiv gefährden. Der steigende Meeresspiegel verstärkt die Erosion und bedroht beispielsweise von Meeresschildkröten die Nistplätze, von denen über 60 Prozent verloren gehen könnten.
– Prof. Dr. Meryem Mojtahid von der Universität Angers
Auch in Feuchtgebieten, Lagunen und Deltas drohen empfindliche Vegetationsverluste. Invasive Arten werde sich ausbreiten und durch versalztes Grundwasser droht Wasserknappheit. Mit jedem weiteren Grad Erwärmung steigen die Risiken für Überschwemmungen und Nährstoffeinträge zusätzlich.
Kaum belastbares Wissen
Trotzdem fehlen in wichtigen Bereichen Daten, wobei besonders die südlichen und östlichen Küstenregionen des Mittelmeers wissenschaftlich unterrepräsentiert sind. Auch zu Tiefsee-Ökosystemen oder großen Meerestieren wie Walen gibt es bisher nur wenig Belastbares.
Die Forschenden fordern daher ein langfristiges Monitoring, um die Risiken besser einschätzen zu können. Klar ist aber schon jetzt, dass selbst moderate Erwärmungen schwerwiegende Folgen haben werden.
„Durch die Studie konnten wir sichtbar machen, dass schon ein vergleichsweise geringer Temperaturanstieg und weitere klimawandelbedingte Stressfaktoren deutliche Auswirkungen haben“, so Hassoun. „Jetzt ist es an der Zeit, dass aus Wissen Handeln wird.“
Quellenhinweis:
Hassoun, A. E. R., Mojtahid, M., Merheb, M., Lionello, P., Gattuso, J.-P. & Cramer, W. (2025): Climate change risks on key open marine and coastal mediterranean ecosystems. Scientific Reports, 15, 24907.