Hitze und Gewalt: Warum uns hohe Temperaturen aggressiv machen – alles über den Long-Hot-Summer-Effekt

Bereits in den 1970er Jahren haben Forscher herausgefunden, dass uns steigende Temperaturen aggressiv machen: Je höher die Temperatur, desto gereizter und gewaltbereiter sind wir. Damals wurde das Phänomen Long-Hot-Summer-Effekt genannt.

Wissenschaftler haben bereits vor Jahrzehnten entdeckt, dass die Umgebungstemperaturen unsere Gewaltbereitschaft beeinflussen. Bild: Yogendra Singh/Unsplash
Wissenschaftler haben bereits vor Jahrzehnten entdeckt, dass die Umgebungstemperaturen unsere Gewaltbereitschaft beeinflussen. Bild: Yogendra Singh/Unsplash

Heiße Sommertage können die Stimmung spürbar beeinflussen. Und bereits seit Jahrzehnten untersuchen Wissenschaftler den sogenannten Long-Hot-Summer-Effekt. Gemeint ist damit die Beobachtung, dass Menschen bei hohen Temperaturen häufiger gereizt reagieren und aggressiver handeln als bei gemäßigtem Wetter.

Zu den bekanntesten Untersuchungen in diesem Zusammenhang zählt ein psychologisches Experiment aus den 1970er Jahren durch die US-Forschenden Paul A. Bell und Robert A. Baron. Die 64 teilnehmenden männlichen Studenten erhielten entweder positive oder negative Bewertungen ihrer Person und bekamen anschließend die Möglichkeit, die jeweiligen Bewerter mittels Elektroschocks zu bestrafen.

Ein Teil der Teilnehmer befand sich während des Versuchs in einer angenehm kühlen Umgebung, der andere in einem unangenehm heißen Raum. Die Ergebnisse zeigten, dass die Personen mit den hohen Umgebungstemperaturen auffällig oft mit den Elektroschocks bestraften.

Experiment mit Polizisten

Ein weiteres bekanntes Experiment stammt von niederländischen Psychologen, die testeten, wie sich Polizeibeamte in simulierten Einsatzsituationen unter unterschiedlichen Raumtemperaturen verhalten.

Dabei zeigte sich, dass bei angenehmen 21 Grad rund 60 Prozent der Beamten zur Waffe griffen – bei 27 Grad waren es bereits 85 Prozent. Steigende Temperaturen erhöhen also in Stresssituationen die Reizbarkeit sowie die Bereitschaft zu impulsiven, aggressiven Reaktionen.

Ist der Körper belastet, leidet meist auch die Seele. Zusätzlich können auch bestimmte Hormone die Aggressivität steigern, etwa Cortisol und Vasopressin. Bild: Hannah Popowski/Unsplash
Ist der Körper belastet, leidet meist auch die Seele. Zusätzlich können auch bestimmte Hormone die Aggressivität steigern, etwa Cortisol und Vasopressin. Bild: Hannah Popowski/Unsplash

Warum Hitze aggressiver machen könnte, ist nicht abschließend geklärt. Fest steht jedoch, dass hohe Temperaturen den Organismus belasten. Der Körper versucht, sich durch verstärktes Schwitzen und eine Erweiterung der Blutgefäße abzukühlen. Dadurch sinkt der Blutdruck, während das Herz stärker arbeiten muss.

Stress für Körper – und Seele

Eine mögliche biologische Ursache ist das Hormon Vasopressin, sagte Hanns-Christian Gunga, Professor am Institut für Physiologie an der Berliner Charité, gegenüber Deutschlandfunk Nova. Vasopressin wird bei Hitze verstärkt ausgeschüttet, um den Wasserhaushalt zu regulieren. Gleichzeitig wird dem Hormon ein Einfluss auf die Aggressionsbereitschaft zugeschrieben.

Vasopressin dient dazu, Flüssigkeit im Körper zu halten, erklärte Gunga. „Es ist kein Wunder, dass wir unter diesen sehr warmen Bedingungen, wenn wir viel Flüssigkeit verlieren – wo dieses Hormon sehr aktiv ist – durchaus eine erhöhte Aggressionsschwelle haben.“

Daneben wird auch ein Zusammenhang von Dehydrierung und dem Cortisolspiegel diskutiert. Demnach verstärkt bereits ein leichter Flüssigkeitsmangel die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol – was wiederum die Stressreaktion verstärkt. Das ergab eine im Journal of Applied Physiology veröffentlichte Studie aus dem Jahr.

Hinzu kommen Begleiterscheinungen wie Schlafmangel, Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und allgemeines Unwohlsein. Auch solche Belastungen können die Reizschwelle senken und machen Konflikte wahrscheinlicher.

Auch die psychischen Folgen von Hitzewellen sind nicht zu unterschätzen. Der Wiener Umweltmediziner Hans-Peter Hutter erklärt: „Während einer Hitzewelle kommt es vor allem bei älteren und geschwächten Menschen, aber auch bei jüngeren Personen, die eine mangelnde Fitness haben, zu einer deutlichen Zunahme an Stress, Ängsten und Depressionen.“

Zwar beweisen die Studien keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung, doch die Hinweise verdichten sich, dass sich Hitze nicht nur negativ auf den Körper auswirkt –auch das menschliche Verhalten wird negativ beeinflusst.

Artikelreferenz

Bell, P. A., & Baron, R. A. (1976). Aggression and Heat: The Mediating Role of Negative Affect.
Vrij, A., Van der Steen, J., & Koppelaar, L. (1994). Aggression of police officers as a function of temperature: an experiment with the fire arms training system.
Kashi, D. S., Hunter, M., Edwards, J. P., et al. (2025). Habitual fluid intake and hydration status influence cortisol reactivity to acute psychosocial stress.