Familien, Singles, Pendler: Wie das Leben in der Stadt vom Beziehungsstatus abhängt
Ob Single, verheiratet oder Eltern: Der Familienstand verändert, wie Menschen eine Stadt nutzen. So müssen Eltern beispielsweise stärker Schulen und Kindergärten aufsuchen. Experten fordern deshalb, dass Städte so geplant werden, dass unterschiedliche Lebenssituationen stärker berücksichtigt werden.

Wie gut eine Stadt zum eigenen Leben passt, hängt offenbar nicht nur davon ab, wie weit der Arbeitsplatz entfernt ist. Eine neue Studie zeigt, dass Familien, Ehepaare und Singles urbane Räume unterschiedlich nutzen und dabei unterschiedlich lange Wege in Kauf nehmen. Studienschwerpunkt war der sogenannte Parenthood Effect – der Einfluss von Elternschaft auf die urbane Mobilität.
Forschende, unter anderem von den Universitäten in Exeter, Barcelona oder Zaragoza, haben nun die städtische Mobilität verschiedener Personengruppen untersucht – anhand von Volkszählungsdaten des American Community Survey und geografischen Informationen von OpenStreetMap. Das Ergebnis stellt grundlegend infrage, wie wir unsere Städte für einen vermeintlich repräsentativen Durchschnittsbürger planen und gestalten.
Eltern haben andere Prioritäten
Die im Fachjournal npj Complexity veröffentlichte Studie zeigt, dass in den meisten untersuchten US-Städten Nicht-Eltern und unverheiratete Personen weniger Zeit für ihre Wege aufwenden. Die Forschenden betrachten vor allem den Zugang zu Einrichtungen als auch die damit verbundenen Mobilitätskosten von Elternschaft und Ehe.
Der Zugang zu Einrichtungen entscheidet darüber, ob Menschen ihre täglichen Aufgaben erfüllen können. Eltern müssen zum Beispiel nicht nur arbeiten gehen, sondern auch ihre Kinder zum Kindergarten oder zur Schule bringen. Hinzu kommen familientypische Freizeiteinrichtungen oder die Gesundheitsversorgung.

Tendenziell wohnen Eltern und verheiratete Paare näher an entsprechenden Einrichtungen. Insgesamt nehmen Eltern häufiger einen längeren Weg zur Arbeit in Kauf, wenn Schulen und Gesundheitsversorgung näher am Wohnort liegen. Freizeitangebote und Gastronomie können ebenfalls ins Gewicht fallen, weil sie – anders als Bildungseinrichtungen – häufig an einem Ort konzentriert sind und längere Anfahrtszeiten benötigen.
Städte weisen zudem unterschiedliche Profile auf: Städte wie New York, Chicago oder Cincinnati schneiden vergleichsweise gut für Eltern ab, während Houston und Virginia Beach eher Singles entgegenkommen. Charlotte und Atlanta sind gut geeignet für verheiratete Paare. Die Mobilitätskosten von Nicht-Eltern und Eltern hängen also auch von der jeweiligen Stadt ab.
Werdende Familien oder Familien, die gerade umziehen, sollten also zunächst beurteilen, ob eine Stadt oder Wohngegend zu ihren eigenen Bedürfnissen passt, und zwar über die Nähe zum Arbeitsplatz hinaus.
Familienfreundlich – nicht nur für Familien
Zudem muss eine Stadt, die für Eltern funktioniert, nicht automatisch für Singles schlechter sein, sagen die Forschenden. Laut den UN-Entwicklungszielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) bestehe das übergeordnete Ideal in einer inklusiven Stadtentwicklung, die für alle Menschen gleichermaßen funktioniert.

„Infrastruktur für Eltern zu gestalten bedeutet, die fußläufige Erreichbarkeit von Vierteln zu verbessern, die Verkehrssicherheit zu erhöhen und Parks auszubauen“, sagt Macedo. Diese strukturellen Maßnahmen würden das gesamte städtische Ökosystem verbessern und die Stadt für jeden Bewohner sicherer, lebendiger und besser zugänglich machen – unabhängig von der Haushaltsform.
„Unsere Arbeit ist vor allem ein Aufruf an Planer, nach den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen zu planen“, erklärt Mariana Macedo von der Constructor University. „Sie müssen unterschiedliche demografische Verhaltensweisen bewusst berücksichtigen, um gerechtere und funktionalere Städte zu schaffen.“
Die Studie bezieht sich zunächst auf US-amerikanische Städte. Als nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler das Ganze international anwenden. Aufschlussreich könnten etwa Vergleiche mit europäischen Städten sein, deren dichtere Bebauung, stärkerer öffentlicher Nahverkehr und dezentralere Versorgung andere Mobilitätsmuster hervorbringen.
Für Kommunen lautet die zentrale Botschaft daher: Stadtplanung sollte nicht nur für den Durchschnittsmenschen funktionieren, sondern für unterschiedliche Lebensentwürfe.
Artikelreferenz
Macedo, M., Menezes, R. & Cardillo, A. (2026). The parenthood effect in urban mobility. npj Complex.