Eingeschleppte Süßwasserarten machen häufig Probleme: Über 40 Prozent der großen Tiere wurden angesiedelt

Mehr als 40 Prozent der großen Süßwassertiere wurden gezielt in neue Lebensräume eingebracht. Eine neue Studie zeigt nun, dass die wirtschaftlichen Vorteile solcher Einführungen oft mit erheblichen Risiken einhergehen – und dass fast jede zweite Art Probleme verursacht.

Vorteile eingeschleppter Arten sind vor allem Fischerei, Aquakultur und Freizeitaktivitäten wie Angeln oder Ökotourismus. Bild: Michel Roggo
Vorteile eingeschleppter Arten sind vor allem Fischerei, Aquakultur und Freizeitaktivitäten wie Angeln oder Ökotourismus. Bild: Michel Roggo

Karpfen, Welse, Krokodile oder Flusspferde – große Süßwassertiere leben heute häufig außerhalb ihrer ursprünglichen Lebensräume. Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass über 40 Prozent aller großen Süßwassertierarten künstlich in fremde Gewässer eingeschleppt wurden. Dabei handelt es sich um sogenannte Süßwasser-Megafauna.

Zur Süßwasser-Megafauna gehören alle Arten mit einem Körpergewicht von mindestens 30 Kilogramm. Dazu gehören Fische wie Riesenwelse, Süßwasserrochen und -störe, Säugetiere wie Flusspferde, Flussdelfine und Biber oder Reptilien wie Krokodile und Riesenschildkröten.

Die internationale Studie wurde von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei sowie des Instituts für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal One Earth veröffentlicht.

Ein globales Phänomen

Insgesamt ermittelte das Forschungsteam 93 gebietsfremde Arten unter den weltweit 216 bekannten Süßwasser-Megafauna-Arten. Damit leben rund 43 Prozent dieser Tiere heute in Regionen außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets.

Genau 142 Länder und Regionen auf allen Kontinenten sind betroffen, mit Ausnahme der Antarktis. Besonders häufig wurden solche Arten in Nordamerika und Asien angesiedelt.

Die meisten eingeschleppten Arten verzeichnen die USA mit 52 Arten, gefolgt von China mit 28 Arten und Kanada mit 23. Auch Russland, Belgien und Deutschland gehören zu den Ländern mit besonders vielen eingeführten großen Süßwassertieren.

Meist wegen wirtschaftlichen Interessen

Im Unterschied zu vielen kleineren Organismen gelangen die großen Tiere meist nicht zufällig in neue Gewässer, sondern werden in der Regel bewusst eingeführt. Der Grund dafür ist, dass viele Arten als wirtschaftlich oder ästhetisch wertvoll gelten. Sie werden etwa für Fischerei und Aquakultur genutzt, als Attraktion für Angler oder Touristen eingesetzt oder als exotische Tiere gehalten.

Die Studie zeigt, dass 57 Prozent der dokumentierten Vorteile auf Fischerei und Aquakultur zurückgehen. Weitere 20 Prozent betreffen Freizeitaktivitäten wie Angeln oder Ökotourismus.

Einige große Süßwassertiere wurden außerdem für den Handel mit exotischen Heimtieren eingeführt. „Zum Beispiel werden Brillenkaimane in den USA als Heimtiere gehalten“, sagte Dr. Xing Chen, ehemaliger Doktorand am IGB und Hauptautor der Studie. „In China werden sie oft wegen ihrer Haut eingebracht, um Lederprodukte herzustellen.“

Nutzen und Schaden zugleich

Von 59 eingeführten Megafauna-Arten, für die ein Nutzen nachgewiesen wurde, verursachen 26 zugleich negative Folgen. Damit bringt fast jede zweite dieser Arten nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch ökologische oder soziale Probleme mit sich. Besonders häufig betrifft das große Fischarten wie Karpfen, Lachsartige oder Welse.

Invasive Arten können Nachteile für die lokale Bevölkerung haben und die lokale Wirtschaft schädigen. Bild: Michel Roggo
Invasive Arten können Nachteile für die lokale Bevölkerung haben und die lokale Wirtschaft schädigen. Bild: Michel Roggo

Die möglichen Folgen reichen von Schäden an der Biodiversität über Risiken für die menschliche Gesundheit bis hin zu Gefahren durch aggressive oder giftige Tiere. Auch Infrastruktur und Eigentum können betroffen sein.

Folgen für lokale Bevölkerung

Wie komplex solche Auswirkungen sein können, zeigt ein bekanntes Beispiel aus Ostafrika, wo der Nilbarsch gezielt im Viktoriasee angesiedelt wurde, um die Fischerei zu stärken. Die Folgen jedoch waren verheerend.

Viele einheimische Fischarten verschwanden oder wurden stark reduziert. Zahlreiche lokale Fischer verloren ihre Lebensgrundlage. In den umliegenden Gemeinden verschlechterte sich die Ernährungssituation. Studien berichten von zunehmender chronischer Unterernährung bei Kindern und Müttern.

Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen.

„Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein“, erklärt Fengzhi He, Professor am Institut für Geographie und Agrarökologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften sowie Gastwissenschaftler am IGB.

Forderung nach strengeren Bewertungen

Angesichts wachsender wirtschaftlicher Interessen rechnen die Forschenden damit, dass die Einführung großer Süßwassertiere in Zukunft weiter zunimmt. Deshalb plädieren sie für strengere Prüfverfahren und eine bessere Überwachung solcher Maßnahmen.

„Um wirtschaftliche Entwicklung, Biodiversitätsschutz und menschliches Wohlergehen in Einklang zu bringen, braucht es ein umfassendes Verständnis der Chancen und Risiken von Arteinführungen“, sagt Prof. Sonja Jähnig, Direktorin des IGB. Nur so lasse sich vermeiden, dass kurzfristige wirtschaftliche Vorteile langfristig gravierende ökologische und soziale Schäden nach sich ziehen.

Quellenhinweis:

Chen, X., Evans, T. G., Jeschke, J. M., Griffith, P., Jähnig, S. C., & He, F. (2026): Global assessment of alien freshwater megafauna reveals complex socio-economic impacts. One Earth, 101623.