Doomsday-Gletscher schmilzt aggressiver als gedacht: Prognose des Meeresspiegelanstiegs verdoppelt sich

Der Thwaites-Gletscher in der Westantarktis verliert schneller Eis als bisher vorausgesagt. Eine neue Studie zeigt, wie warmes Meerwasser den Gletscher von unten angreift und die Schmelze beschleunigt. Das könnte Küstenregionen weltweit zusätzlich gefährden. Experten fordern weitere Messungen unter dem Eis.

Neueste Berechnungen der Gletscherunterseite liefern beunruhigende Daten. Bild: NASA/OIB/Jeremy Harbeck
Neueste Berechnungen der Gletscherunterseite liefern beunruhigende Daten. Bild: NASA/OIB/Jeremy Harbeck

Der antarktische Thwaites-Gletscher zählt zu den größten Unsicherheitsfaktoren, wenn es um Prognosen zum künftigen Meeresspiegel geht. Die Eisfläche, die etwa so groß wie Florida ist, zieht sich seit Jahrzehnten zurück. Bereits jetzt trägt seine Gletscherschmelze etwa vier Prozent zum globalen Meeresspiegelanstieg bei. Wegen der möglicherweise verheerenden Folgen eines Zusammenbruchs wird er auch „Weltuntergangsgletscher“ oder „Doomsday-Gletscher“ genannt.

Ein Forschungsteam der University of California, Irvine, und des Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA hat nun die Vorgänge unter dem Gletscher genauer untersucht. Die jüngst in Nature Communications veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass Thwaites bis zum Jahr 2100 einen Meeresspiegelanstieg von bis zu 1,2 Zoll bzw. etwa drei Zentimetern verursachen könnte. Das wäre doppelt so viel wie frühere Schätzungen – und zwar ohne die weitere globale Erwärmung.

Instabile Verankerung

Der Bereich, in dem das auf dem Meeresboden aufliegende Eis in einen schwimmenden Schelfeisabschnitt übergeht, ist besonders interessant. Bisher wurde diese Aufsetzlinie eher als feste Grenze behandelt. Satellitendaten zeigen aber, dass sich dort eine mehrere Kilometer breite Übergangszone befindet, in der die Gezeiten das Meerwasser unter das Eis drücken und wieder zurückströmen lassen.

Dieser Vorgang wird auch als Gezeitenpumpe (Tidal Pumping) bezeichnet. Die Gezeitenpumpe senkt das Eis, wodurch das vergleichsweise warme Meerwasser tief unter den Gletscher vordringen kann. Das verstärkt dann die Schmelze. „Wir haben erkannt, dass unter den großen Gletschern, die ins Meer münden, andere Verhältnisse herrschen“, erklärt Studienleiter Dr. Mattia Poinelli vom JPL.

Wenn die Eismassen, die vom Gletscher kühlgehalten werden, ebenfalls schmelzen, könnte das einen globalen Meeresspiegelanstieg von drei Metern bedeuten. Bild: NASA
Wenn die Eismassen, die vom Gletscher kühlgehalten werden, ebenfalls schmelzen, könnte das einen globalen Meeresspiegelanstieg von drei Metern bedeuten. Bild: NASA

Eine weitere Gefahr besteht durch den Untergrund. Das Gletscherbett fällt landeinwärts ab, sodass beim Rückzug immer mehr Eis dem wärmeren Ozean ausgesetzt wird. Unterwassererhebungen bremsen den Eisfluss noch. Doch die Verankerung am Mouginot-Rücken könnte durch die Schmelzprozesse gelöst werden. Danach könnte sich der Gletscher rasch bis zum nächsten größeren Rücken zurückziehen.

Der Verlust hätte verheerende Folgen. Allein der Thwaites-Gletscher enthält genügend Eis, um den Meeresspiegel bei vollständigem Abschmelzen um mehr als 60 Zentimeter anzuheben. Weil er außerdem das dahinterliegende antarktische Eisschild stabilisiert, könnte sein Zusammenbruch langfristig einen Meeresspiegelanstieg von etwa drei Metern bedeuten. Küstenstädte von Miami bis Manila wären betroffen.

„Wendepunkt für die Vorhersage“

Prof. Dr. Eric Rignot, Professor für Erdsystemwissenschaften an der University of California, Irvine, erwartet „ein höheres Risiko und eine größere Gefährdung durch Küstenüberschwemmungen in den kommenden Jahrzehnten“. Der nicht an der Studie beteiligte Glaziologe Dr. Ted Scambos vom Earth Science and Observation Center (ESOC) der University of Colorado Boulder bezeichnete die Ergebnisse als möglichen „echten Wendepunkt für die Vorhersage des Meeresspiegelanstiegs durch Thwaites“.

Fachleute mahnen dennoch zur Vorsicht. Direkte Messungen unter dem schwer zugänglichen Gletscher fehlen weitestgehend. Der Meeresgeophysiker Robert Larter vom British Antarctic Survey sagt sogar: „Wir müssen noch viel über die Prozesse in der Aufsetzzone herausfinden, bevor wir zuverlässig vorhersagen können, wie schnell Eis verloren geht.“

Für das Jahr 2028 planen die Forschenden deshalb eine Expedition, bei der die Wasserbewegungen unter dem Eis dokumentiert werden sollen. Gleichzeitig müssen klimaschädliche Emissionen weiterhin reduziert werden, auch hierauf sollte eine Priorität liegen. Doch selbst, wenn sofort gehandelt wird, seien künftig höhere Meeresspiegel zu erwarten, warnt Rignot – weil bereits entstandene Klimaschäden nicht rückgängig gemacht werden könnten.

Artikelreferenz

Poinelli, M., Rignot, E., Seroussi, H., et al. (2026). Sea-level contribution from Thwaites Glacier doubles in an observation-constrained ice-sheet model. Nature Communications.