Bereits am Gesicht beurteilen wir die Persönlichkeit anderer – und zwar hinsichtlich Wärme, Kompetenz oder Moral

Gesichter sprechen ihre eigene Sprache. Ob wir einem Fremden vertrauen, ihn für kompetent halten oder als sympathisch wahrnehmen, entscheiden wir häufig innerhalb kürzester Zeit. US-Forscher haben nun solche ersten Eindrücke genauer untersucht und geprüft, wie und nach welchen Kategorien wir Gesichter spontan einordnen.

Lassen sich Gesichter auch ohne sprachliche Vorgaben beurteilen? Ja, sagen Experten. Bild: Adolphs, Ralph/Caltech
Lassen sich Gesichter auch ohne sprachliche Vorgaben beurteilen? Ja, sagen Experten. Bild: Adolphs, Ralph/Caltech

Wer in einem voll besetzten Bus sitzt, bildet sich unweigerlich eine Meinung von den Mitfahrenden. Die Gesichtszüge der anderen beeinflussen sofort, wem wir Vertrauen schenken oder wen wir für fähig halten. Solche spontanen Bewertungen beschäftigen die Wissenschaft schon seit Jahrzehnten, doch bisherige Versuche waren oft durch die Sprache begrenzt.

Üblicherweise werden Versuchspersonen gebeten, Gesichter auf einer Skala zu bewerten, etwa danach, wie vertrauenswürdig oder kompetent jemand wirkt. Solche Begriffe können aber beeinflussen, worauf wir achten. Zudem ist nicht klar, ob auch Personen, die andere Sprachen sprechen oder Sprache per se nicht verwenden, genauso urteilen.

Forschende des California Institute of Technology (Caltech) haben deshalb nun in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour eine andere Art des Versuchs vorgestellt, bei der Persönlichkeiten beurteilt werden, ohne dass den Teilnehmenden bestimmte Eigenschaftswörter vorgegeben werden.

Erster Eindruck auf fünf Ebenen

Insgesamt nahmen mehr als 3000 Personen an den zwei Experimenten teil. Die Teilnehmenden sollten abgebildete Gesichter am Computer danach anordnen, wie ähnlich sie den Charakter der abgebildeten Personen einschätzen: Ähnlich erscheinende Gesichter kamen näher zusammen, unterschiedlich wirkende weiter auseinander. Bewertungsskalen oder festgelegte Begriffe erhielten sie nicht.

Den Studienteilnehmenden wurden Gesichter wie diese gezeigt, die sie nach vermuteten ähnlichen Persönlichkeitszügen anordnen sollten. Bild: Adolphs, lab/Caltech
Den Studienteilnehmenden wurden Gesichter wie diese gezeigt, die sie nach vermuteten ähnlichen Persönlichkeitszügen anordnen sollten. Bild: Adolphs, lab/Caltech

Im ersten Versuch verwendeten die Forschenden überwiegend weiße Gesichter, um die Ergebnisse mit einer früheren Untersuchung vergleichen zu können. Der zweite Versuch umfasste zusätzlich afrikanisch und asiatisch aussehende Personen.

Mithilfe computergestützter Analysen ermittelte das Team dann fünf Dimensionen, die in beiden Experimenten deutlich hervortraten: Zugänglichkeit, Wärme, Kompetenz, Moral und Jugendlichkeit.

Zugleich zeigte sich, dass es auch rassistische Stereotype gab, die die Wahrnehmung beeinflussten. Studienleiterin Dr. Yue Xu vom Caltech weist darum auf die Grenzen der Studie hin: „Unsere Ergebnisse sagen nichts über die tatsächliche Persönlichkeit der auf diesen Gesichtern abgebildeten Personen aus, sondern zeigen, welche ersten Eindrücke Menschen beim Betrachten dieser Gesichter haben.“

Weniger Sprache, mehr Möglichkeiten

Anschließend wurden die mit historischen Daten aus Studien verglichen, in denen Begriffe wie „gesellig“ oder „fürsorglich“ zur Bewertung verwendet worden waren. Die festgestellten Dimensionen stimmten weitgehend überein. Das spricht dafür, dass sich Persönlichkeitsurteile auch ohne sprachliche Hilfestellung zuverlässig untersuchen lassen.

Visualisierung von Gesichtern (Ausschnitt), aufgeteilt auf die fünf Dimensionen, die aus den Zuordnungen abgeleitet wurden. Zusätzlich sollten Gesichter nach Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit sortiert werden. Bild: Xu et al., 2026
Visualisierung von Gesichtern (Ausschnitt), aufgeteilt auf die fünf Dimensionen, die aus den Zuordnungen abgeleitet wurden. Zusätzlich sollten Gesichter nach Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit sortiert werden. Bild: Xu et al., 2026

„Ich war erstaunt, dass es überhaupt funktionierte“, sagt der Psychologe, Neurowissenschaftler und Leitautor Prof. Ralph Adolphs vom Caltech. „Die Menschen lieferten konsistente Ergebnisse, die sie nicht hätten hervorbringen können, wenn sie das Experiment nicht ordnungsgemäß durchgeführt hätten.“

Die neue Methode könnte künftig Untersuchungen für Menschen möglich machen, die kein Englisch sprechen, an Aphasie leiden oder die Sprache nicht beherrschen. Hier wären Experimente mit Säuglingen und nichtmenschlichen Primaten denkbar.

Als Nächstes will Adolphs untersuchen, wie Gesichter im Gehirn verarbeitet werden und wann Sprache in solche Urteile einfließt. Geplant sind unter anderem Messungen einzelner Nervenzellen bei Epilepsiepatienten, denen vorübergehend Elektroden implantiert wurden. Auf diese Weise hoffen die Forschenden, die neuronalen Prozesse hinter unseren ersten Eindrücken besser zu verstehen.

Artikelreferenz

Xu, Y., Keles, U., Lin, C. et al. (2026). Trait judgements of faces using a task without word labels. Nature Human Behaviour.