Bauernhof-Effekt schützt Kinder vor Allergien – Forscher decken biologische Ursachen auf

Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, erkranken deutlich seltener an Asthma, Heuschnupfen oder Allergien. Wissenschaftler haben nun erstmals untersucht, welche Bakterien und Stoffwechselprodukte hinter dem seit Jahren bekannten Bauernhof-Effekt stecken.

Warum sind Kinder, die auf dem Land aufwachsen, gesünder als Stadtkinder? Bild: David Holifield/Unsplash
Warum sind Kinder, die auf dem Land aufwachsen, gesünder als Stadtkinder? Bild: David Holifield/Unsplash

Seit Jahrzehnten beobachten Wissenschaftler weltweit, dass Kinder aus landwirtschaftlichen Familien seltener unter Allergien, Heuschnupfen oder Asthma leiden als Gleichaltrige aus Städten. Das als Bauernhof-Effekt bezeichnete Phänomen ist zwar vergleichsweise gut belegt, ließ sich jedoch lange nicht vollständig erklären.

Nun ist einem internationalen Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Markus Ege vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des LMU Klinikums München sowie dem Helmholtz-Institut für Asthma- und Allergieprävention ein entscheidender Durchbruch gelungen: Die Wissenschaftler konnten erstmals nachvollziehen, welche Bakterien in der Stallluft den schützenden Effekt auslösen, welche Stoffwechselprodukte dabei eine Rolle spielen und an welchen Rezeptoren des menschlichen Körpers sie wirken. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal New England Journal of Medicine – Evidence veröffentlicht.

Hygienehypothese erneut unterstützt

Die Erkenntnisse stützen die sogenannte Hygienehypothese, die seit Ende der 1980er Jahre kursiert. Sie geht davon aus, dass das Immunsystem von Kindern ausreichend Kontakt mit Mikroorganismen benötigt, um sich gesund zu entwickeln. Fehlt dieser Kontakt, steigt das Risiko für Allergien oder Asthma.

„Mädchen und Jungen, die auf Bauernhöfen aufgewachsen und einer großen Vielfalt von Mikroben ausgesetzt sind, haben das Problem deutlich seltener“, sagt Markus Ege. Die ständige Begegnung mit Bakterien aus der Stallluft trainiere das Immunsystem und helfe, fehlgeleitete Abwehrreaktionen zu verhindern.

Wissenschaftler haben erstmals untersucht, welche Bakterien und welche Stoffwechselprodukte für den sogenannten Bauernhof-Effekt verantwortlich sind. Bild: Юлія Дубина/Unsplash
Wissenschaftler haben erstmals untersucht, welche Bakterien und welche Stoffwechselprodukte für den sogenannten Bauernhof-Effekt verantwortlich sind. Bild: Юлія Дубина/Unsplash

Bisher beruhte die Hygienehypothese allerdings überwiegend auf Beobachtungsstudien. „Diese können nur mehr oder weniger überzeugend Zusammenhänge nahelegen“, erklärt Ege. „Aber mit unserer neuen Studie können wir das nun sehr plausibel tun, weil wir die einzelnen Glieder der vermuteten Kausalkette benennen können: Bakterien, die beteiligten Stoffwechselprodukte der Mikroben und menschliche Rezeptoren.“

Für ihre Untersuchung werteten die Forschenden Daten von mehr als 1000 Kindern aus europäischen Studien in ländlichen Regionen aus. Analysiert wurden sowohl Nasenabstriche als auch Staubproben aus den Matratzen der Kinder. Ergänzend entnahmen die Wissenschaftler Stallstaub aus Kuhställen von 47 Bauernhofkindern.

Wie die Mikroorganismen zusammengesetzt sind und wie deren Zusammenhang mit dem Asthmarisiko ist, untersuchten die Forschenden dann anhand von Genom- und Stoffwechselanalysen sowie bioinformatischen Modellen. Zusätzlich flossen genetische Daten der Kinder ein. Um die Resultate unabhängig voneinander zu bestätigen, wurden Ergebnisse aus Frankreich und Finnland miteinander verglichen.

Bakterien aus dem Kuhstall

„Wir haben wenige Bakterien identifiziert, die wir nun bis auf Spezies-Ebene genau benennen können“, sagt Erstautorin Giulia Pagani. Dazu zählen unter anderem Romboutsia timonensis und Glutamicibacter arilaitensis. „Diese sogenannten gram-positiven Bakterien vermitteln zusammen zwei Drittel des gesamten Bauernhofeffekts auf Asthma und zur Hälfte auf Heuschnupfen und Neurodermitis.“

Die Mikroorganismen stammen aus dem Verdauungstrakt von Kühen. Dort bilden oder verarbeiten sie Stoffe wie Kynurenin, Xanthin, Alpha-Linolensäure und Stearidonsäure. Gelangen diese Verbindungen über die Stallluft in die Atemwege, werden sie von den Rezeptoren AhR und PPARγ erkannt. „Diese Rezeptoren haben vielfältige Funktionen unter anderem im Immunsystem, sie verhindern vermutlich eine überschießende Entzündungsreaktion“, erläutert Ege.

Damit konnte erstmals die vollständige biologische Wirkungskette beschrieben werden – von der Kuh über Stallluft und Bakterien bis hin zum Schutz vor Asthma. Die Erkenntnisse könnten langfristig den Weg zu Medikamenten ebnen, die den natürlichen Bauernhof-Effekt nachahmen.

Artikelreferenz

G. Pagani et al. (2026). Gram-positive bacteria mediate the inverse association of farm exposure and childhood asthma. NEJM Evidence.