Arktische Watvögel wechseln häufiger den Brutplatz: Je weiter nördlich, desto seltener kehren sie zurück
Watvögel gehören zu den ausdauerndsten Wanderern der Erde. Doch ausgerechnet in der arktischen Tundra verzichten viele darauf, zum vertrauten Brutplatz zurückzukehren. Warum das so ist, haben Biologen nun untersucht.

Wer seinen Brutplatz kennt, hat Vorteile: Futterstellen sind vertraut, Gefahren lassen sich besser einschätzen und bestenfalls wa(r)tet dort der Partner des Vorjahres. Dennoch sind Watvögel nicht unbedingt standorttreu. Arten wie der Graubruststrandläufer oder der Tundraschlammläufer nutzen ihre früheren Brutgebiete nur selten ein zweites Mal.
Eine neue Untersuchung von Felddaten, die unter Leitung des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz entstanden ist, zeigt, wie stark der Lebensraum das Verhalten der Vögel mitbestimmt. Dabei wurden Daten von 120 Populationen von 55 Watvogelarten berücksichtigt.
Dabei kam heraus, dass in der arktischen Tundra nur etwa ein Drittel der Individuen an einen früheren Brutplatz zurückkehrt. In Wäldern, Graslandschaften und Trockengebieten sind es dagegen rund zwei Drittel. Zunächst schien es, als sinke die Rückkehrwahrscheinlichkeit generell mit zunehmender nördlicher Breite. Die getrennte Betrachtung der Lebensräume konnte das jedoch widerlegen. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Ecography veröffentlicht.
Warum die Tundra eine Ausnahme darstellt
„Zunächst schienen die Daten ein einfaches Muster zu zeigen: Je weiter nördlich Vögel brüten, desto weniger häufig kehren sie zurück“, sagt Erstautor Peter Santema. „Als wir die Lebensräume jedoch separat verglichen, wurde deutlich, dass dieser Effekt ausschließlich auf die Tundra zurückzuführen ist.“

Dort nimmt die Standorttreue mit der geografischen Breite ab. Am südlichen Rand der Arktis kehrt ungefähr die Hälfte der Vögel zurück, in der hohen Arktis, dagegen nur etwa jedes zehnte Tier. In anderen Lebensräumen bleibt die Rückkehrrate über verschiedene Breitengrade hinweg weitgehend konstant.
Besserer Austausch von Genen?
Eine mögliche Erklärung liegt in den extrem wechselhaften Bedingungen der Tundra. Schnee, Nahrungsangebot und die Gefahr durch Fressfeinde können sich von einem Jahr zum nächsten verändern. Weil das Zeitfenster für die Fortpflanzung kurz ist, können Vögel kaum darauf warten, dass sich ein ungeeigneter Standort verbessert. Ein Wechsel kann daher eine angemessene Reaktion auf unsichere Lebensbedingungen sein.
Auch bei Arten, die neben der Tundra auch andere Lebensräume nutzen, weisen die Tundra-Populationen geringere Rückkehrraten auf. Frühere Untersuchungen hatten bereits einige weitere Einflussfaktoren ermittelt, etwa Geschlecht, Körpergröße oder wie die Brutpflege zwischen den Partnern aufgeteilt ist.

„Die Erkenntnis, dass ein einziger Lebensraum einen so großen Teil dieser Variation bestimmt, wirft faszinierende Fragen auf“, sagt Studienleiter Bart Kempenaers, Direktor der Abteilung für Ornithologie am MPI für biologische Intelligenz. Offen ist etwa, ob auch andere wechselhafte Lebensräume, darunter temporäre Feuchtgebiete, besonders mobile Brutvögel hervorbringen.
Die direkte biologische Folge der freien Standortwahl: Wenn Vögel zwischen Brutgebieten wechseln, können Gene stärker zwischen Populationen ausgetauscht werden. Gleichzeitig könnten sich Krankheiten anders verbreiten. Für den Artenschutz könnte deshalb auch entscheidend sein, wie beweglich die Tiere zwischen geeigneten Lebensräumen sind.
Künftige Studien sollen darum nun Vergleichsdaten mit der individuellen Ortstreue einzelner Vögel liefern. Satellitentracking und andere Markierungsmethoden könnten zeigen, wann Tiere zurückkehren, wann sie ausweichen und welche Umweltbedingungen die Bewegungen auslösen.
Artikelreferenz
Santema, P., Kwon, E., Eberhart-Hertel, L., Valcu, M., & Kempenaers, B. (2026). A global latitudinal decline in breeding site fidelity emerges from a single biome. Ecography.