Geier: Was die imposanten Greifvögel auf Erkundungstour nach Deutschland bringt

Immer häufiger sorgen seltene Greifvögel am deutschen Himmel für Aufsehen. Durch steigende Temperaturen und günstige Winde Artenschutzmaßahmen erkunden junge europäische Geier zunehmend den Norden – bleiben allerdings nur auf Durchreise.

Der Mönchsgeier (Aegypius monachus) ist mit bis zu 3 Metern Flügelspannweite einer der größten Greifvögel der Welt. Bild: Jevgeni Fil/Pixabay
Der Mönchsgeier (Aegypius monachus) ist mit bis zu 3 Metern Flügelspannweite einer der größten Greifvögel der Welt. Bild: Jevgeni Fil/Pixabay

Geier sind über Deutschland zu sehen. Sie werden allein als Einzelgänger oder in Gruppen von mehr als zehn Tieren gesichtet. Aktuelle Sichtungen lösen Verunsicherung aus. Vorfälle wie geplünderte Storchennester in Niedersachsen sorgen zudem für Schlagzeilen. Auf Anwohner wirken die riesigen Vögel fremd.

„Wenn ein Geier am Himmel kreist, wirkt das für viele Menschen erst einmal ungewohnt und manchmal auch bedrohlich“, sagt Manuela Merling de Chapa, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. „Dabei sind die Tiere hier nur auf Durchreise – sie erkunden weiträumig neue Gebiete auf der Suche nach Nahrung, bleiben aber nicht dauerhaft in Deutschland.“

Auf der Reise nach Norden

Vor allem junge Gänsegeier aus Südeuropa begeben sich auf ausgedehnte Streifzüge. Die wärmeliebenden Segelflieger nutzen warme Aufwinde, um mit fast drei Metern Flügelspannweite mühelos ihre gewaltigen Distanzen zurückzulegen. Dank günstiger Winde bewältigen sie an einem Tag mehrere hundert Kilometer nahezu ohne Flügelschlag. Durch die Erderwärmung nehmen solche Flugbedingungen zu.

Immer öfter werden Geier über Deutschland gesichtet, hier ein Gänsegeier. Bild: jean-pierre arene/Pixabay
Immer öfter werden Geier über Deutschland gesichtet, hier ein Gänsegeier. Bild: jean-pierre arene/Pixabay

Die Zunahme der Sichtungen ist zudem als erfolgreicher Artenschutz zu werten. Die europäischen Bestände sind vor allem durch Wiederansiedlungsprojekte gewachsen.

„Jede Geiersichtung ist eine gute Nachricht“, findet auch Merling de Chapa. „Sie zeigt, dass Artenschutz wirkt – und beschert uns ein faszinierendes Naturschauspiel.“ Geier seien keine Bedrohung, sondern „eindrucksvolle Botschafter erfolgreicher europäischer Naturschutzarbeit“.

Fehlende Nahrungsgrundlage

Eine dauerhafte Heimat finden die Vögel in Deutschland jedoch nicht. Grund sind strenge Hygienevorschriften, die das schnelle Beseitigen von Tierkadavern vorschreiben. „Ihnen fehlt hier schlicht die Lebensgrundlage“, so Merling de Chapa. „Als Aasfresser sind sie darauf spezialisiert, Kadaver zu finden und zu verwerten.“

Der Gänsegeier (Gyps fulvus) ist Europas häufigste Geierart, die sich schwerpunktmäßig in den südeuropäischen Gebirgen aufhält. Bild: Paul Sprengers/Pixabay
Der Gänsegeier (Gyps fulvus) ist Europas häufigste Geierart, die sich schwerpunktmäßig in den südeuropäischen Gebirgen aufhält. Bild: Paul Sprengers/Pixabay

Geier verfügten über ein hervorragendes Sehvermögen zum Auffinden toter Tiere aus großer Höhe. Ihr kräftiger Schnabel sei darauf ausgelegt, tote Tiere zu öffnen, erklärt Merling de Chapa. An dem oft nur spärlich befiederten Kopf bleiben Blut und Gewebereste nicht hängen, Keime und Bakterien würden sich weniger festsetzen.

Sorgen um Tiere oder Menschen sind unbegründet. „Geier sind keine aktiven Jäger. Ihre Krallen sind stumpf und zum Erlegen von Beute denkbar ungeeignet“, so die Expertin. „Nur in extremen Ausnahmefällen, etwa bei großer Nahrungsknappheit, können Geier auch stark geschwächte Tiere oder Jungtiere in ungeschützten Nestern angreifen – so wie es in Niedersachsen bei den Weißstörchen der Fall war.“

In der Natur erfüllen die Vögel eine wichtige Funktion. Denn indem sie Kadaver vertilgen, verhindern sie die Ausbreitung von Krankheiten.

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) hat besonders von europaweiten Wiederansiedlungsprogrammen profitiert und ist wieder in den Alpen heimisch, zum Beispiel im Nationalpark Berchtesgaden. Bild: G.C./Pixabay
Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) hat besonders von europaweiten Wiederansiedlungsprogrammen profitiert und ist wieder in den Alpen heimisch, zum Beispiel im Nationalpark Berchtesgaden. Bild: G.C./Pixabay

Dabei ergänzen sich die vier europäischen Arten perfekt. Der Gänsegeier frisst Muskelfleisch und Innereien, während der Mönchsgeier mit gebogenem Schnabel dicke Haut, Sehnen und Knorpel öffnet. Der im Alpenraum heimische Bartgeier verdaut sogar Knochen. Der kleine Schmutzgeier nutzt Steine als Werkzeug und frisst Insekten sowie Aasreste.