Wetterforscher erklärt: „Kein Garant für Eis und Schnee!" – Die Wahrheit über den Polarwirbel und unseren Winter 2026/27
Ständig heißt es, der Polarwirbel bestimme allein über Frost und Schnee. Ich sage Ihnen, was dran ist – und warum der Winter 2026/27 wohl trotzdem viel zu mild ausfällt.

Kaum wird es September, geht das Spiel wieder los: In jedem zweiten Wetterkanal wird der Polarwirbel zum alleinigen Herrscher über unseren Winter erklärt. Als würde dort oben in 30 Kilometern Höhe per Knopfdruck über Eis, Schnee und Dauerfrost entschieden.
Dabei tut sich gerade tatsächlich etwas Spannendes: Über der Arktis verschwindet die Sonne für Monate, die Stratosphäre kühlt rasant aus – und genau daraus baut sich in diesen Tagen der junge Polarwirbel neu auf.
Fachleute schauen jetzt vor allem darauf, wie kräftig sich dieses gewaltige Windrad überhaupt formiert. Es ist die erste Fährte für den kommenden Winter. Aber eben nur eine Fährte, nicht das Urteil.
Was der Polarwirbel überhaupt ist
Ganz nüchtern betrachtet ist der Polarwirbel ein riesiges, eiskaltes Tiefdruckgebiet hoch über dem Nordpol. Er sitzt in der Stratosphäre, grob zwischen 20 und 50 Kilometern Höhe, und wird von einem irren Westwind angetrieben, der es locker auf 250 bis über 300 km/h bringt.
Seine wichtigste Aufgabe: Er wirkt wie ein Zaun. Solange dieser Wirbel stark und schön rund ist, sperrt er die bitterkalte Arktisluft im hohen Norden ein. Bei uns läuft dann meist das typische, milde Atlantikwetter mit West- und Südwestwind – nass, windig, grau, aber selten knackig kalt. Erst wenn der Wirbel schwächelt, sich verformt oder gar zerreißt, kann die Kälte nach Süden ausbrechen.
Ein Chaosstifter – aber kein Garant für Schnee
Genau hier liegt der große Denkfehler vieler selbst ernannter Wetterpropheten. Ein gestörter Polarwirbel bedeutet eben nicht automatisch Schnee vor Ihrer Haustür. Er ist eher ein Chaosstifter als ein Kälte-Lieferservice.
Der spektakulärste Fall trägt den sperrigen Namen Plötzliche Stratosphärenerwärmung. Dabei heizt sich die Luft dort oben binnen Tagen um bis zu 50 Grad auf, der Wirbel kippt oder spaltet sich. Klingt paradox, schickt uns am Ende aber tatsächlich die Kälte.
Nur: Das Signal wandert quälend langsam nach unten und erreicht unser Wetter erst zwei bis vier Wochen später. Und ob die Kaltluft dann Europa, Nordamerika oder Asien trifft, steht in den Sternen.
„Die Modelle ignorieren den Polarwirbel" – purer Unsinn
Und jetzt zu dem Satz, der mich jedes Jahr auf die Palme bringt: Angeblich würden die Langfristmodelle den Polarwirbel überhaupt nicht berücksichtigen. Das ist schlicht falsch – und zeigt vor allem, dass da jemand seit zehn Jahren nicht mehr in die Modellwelt geschaut hat.

Moderne Saisonmodelle wie das des Europäischen Wetterzentrums (ECMWF) rechnen die Stratosphäre voll mit. Sie bilden die Kopplung zwischen der Höhe und unserer Wetterschicht ganz bewusst ab und geben sogar Wahrscheinlichkeiten für eine Störung des Wirbels aus. Wer behauptet, der Polarwirbel komme in den Langfristprognosen nicht vor, verwechselt seinen eigenen Wissensstand mit dem der Wissenschaft.
Der aktuelle Stand – und ein deutliches Signal
Werfen wir also den Blick auf die echten Daten. Der August-Lauf des ECMWF ist für den Winter 2026/27 erstaunlich eindeutig: Er deutet für Europa auf einen milden, nassen Winter mit west- bis südwestlicher Strömung hin.
Gleichzeitig – und das ist der Clou – hebt genau dieses Modell eine erhöhte Wahrscheinlichkeit hervor, dass der Polarwirbel im Dezember oder Januar gestört wird. Beides steht also nebeneinander im selben Rechenlauf. Der Wirbel wird berücksichtigt, das Grundmuster bleibt trotzdem mild. So viel zum angeblichen blinden Fleck der Modelle.
Warum der Winter 2026/27 eher extrem warm wird
Der Hauptgrund für diesen milden Trend sitzt weit weg vom Nordpol: im tropischen Pazifik. Dort schaukelt sich gerade ein außergewöhnlich starker El Niño auf, viele Modelle sehen die Wassertemperaturen im entscheidenden Gebiet auf Rekordkurs.
Ein solcher Super-El-Niño krempelt die globale Zirkulation um und schiebt bei uns milde, feuchte Atlantikluft in den Vordergrund.
Dazu kommt der Klimatrend, der Jahr für Jahr ein paar Zehntelgrad drauflegt – warm bis mild ist längst das neue Normal. Mein Fazit als Meteorologe: Der Polarwirbel ist wichtig, keine Frage. Aber er ist eben nicht das Nonplusultra, das manche aus ihm machen.
Ob es diesen Winter mal ein paar eisige Tage gibt, entscheidet ein ganzes Orchester aus El Niño, Jetstream und eben auch dem Wirbel – nicht ein einzelner Solist da oben in der Stratosphäre. Und die Grundmelodie klingt aktuell nach: zu mild.