„Verdächtig ruhig über dem Atlantik" – und ein Riese im Pazifik schreibt schon an unserem Winter mit

Über dem Atlantik bleibt die große Sturmwelle aus – ausgerechnet jetzt zur Hochsaison. Was nach guter Nachricht klingt, hat einen Haken, der bis zu unserem Winter reicht.


Es ist die Zeit, in der die Wetterkarten des Atlantiks eigentlich vor Wirbelstürmen wimmern müssten. September gilt als der gefährlichste Monat der gesamten Hurrikan-Saison, der Punkt, an dem sich Jahr für Jahr die schwersten Systeme aufschaukeln. Doch in diesem Jahr passiert etwas Ungewöhnliches: Es bleibt still.

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Statt der üblichen Kette aus benannten Stürmen zeigt sich der tropische Atlantik erstaunlich zahm. Die Statistik spricht eine klare Sprache – 2026 steuert auf eine deutlich unterdurchschnittliche Saison zu, mit weniger Stürmen, weniger Hurrikanen und kaum schweren Systemen.

Weniger Stürme, als das Kalenderblatt verspricht

Ein durchschnittliches Atlantik-Jahr bringt es auf rund 14 benannte Stürme, davon sieben Hurrikane und drei schwere. Für 2026 fallen die Erwartungen spürbar niedriger aus: Der Korridor liegt bei sieben bis 13 benannten Stürmen, zwei bis sechs Hurrikanen und höchstens zwei schweren.

Die Wahrscheinlichkeit für eine unternormale Saison wird inzwischen bei rund 75 Prozent angesetzt – für ein überdurchschnittliches Jahr bleiben magere fünf. Anders gesagt: Die Ruhe ist kein Zufall, sondern gerechnet.

Der wahre Grund liegt 12.000 Kilometer entfernt

Wer den Grund sucht, darf nicht auf den Atlantik schauen, sondern muss weit in den Pazifik blicken. Dort hat sich ein Klimaschalter umgelegt, der das Wettergeschehen des halben Planeten steuert: El Niño ist zurück – und zwar in einer Wucht, wie man sie selten gesehen hat.

Ein starker El Niño heizt weit entfernt eine Mechanik an, die dem Atlantik buchstäblich den Wind aus den Segeln nimmt. Über der Sturmregion nimmt die sogenannte Windscherung zu – die Höhenwinde reißen aufkeimende Wirbel förmlich auseinander, bevor sie sich zu einem Hurrikan formen können.

So stark wie kaum ein El Niño zuvor

Und dieser El Niño ist kein gewöhnlicher. Die Messwerte im zentralen Pazifik liegen bereits jetzt über dem Niveau der berüchtigten Rekordjahre der Vergangenheit. Für den Herbst und frühen Winter gilt ein sehr starkes Ereignis als nahezu sicher – die Rede ist von einem der kräftigsten seit Beginn verlässlicher Aufzeichnungen.

Der Pazifik hat sich ungewöhnlich stark aufgewärmt. Teilweise liegt die Wassertemperatur bei über 30 Grad.
Der Pazifik hat sich ungewöhnlich stark aufgewärmt. Teilweise liegt die Wassertemperatur bei über 30 Grad.

Genau das macht die stille Hurrikan-Saison so aufschlussreich. Sie ist gewissermaßen der sichtbare Fingerabdruck eines Phänomens, das noch ganz andere Regionen erreichen wird – und irgendwann auch uns.

Warum uns das im Winter beschäftigen wird

Hier wird es für Deutschland spannend, und hier beginnt der große Streit unter Fachleuten. Ein derart starker Pazifik-Antrieb bleibt nicht im Pazifik. Über Umwege in der Stratosphäre kann er beeinflussen, wie stabil oder wie wackelig der Polarwirbel über uns steht – und der entscheidet mit, ob wir milde Westwinde oder eisige Ostluft bekommen.

Doch die Signale zeigen in unterschiedliche Richtungen. Die eine Lesart: Ein starker El Niño stärkt den Polarwirbel eher und schiebt uns damit in Richtung mild und wechselhaft. Die andere: Ab dem Januar steigt die Wahrscheinlichkeit für kräftige Kaltlufteinbrüche spürbar an.

Mein Blick auf die kommenden Wochen

So ehrlich muss man sein: Für Mitteleuropa ist das Pazifik-Signal ein leises, kein lautes. Es liegt zu weit weg, um daraus schon jetzt „Eiswinter" oder „Rekord-Mild" zu machen – wer das behauptet, verkauft Ihnen Kaffeesatz.

Deutschland startet zweigeteilt in den September - im Norden deutlich zu nass, im Süden erneut sehr trocken.
Deutschland startet zweigeteilt in den September - im Norden deutlich zu nass, im Süden erneut sehr trocken.

Was aber stimmt: Die kommenden Wochen liefern die entscheidenden Puzzleteile. Ab Oktober werden die Langfristmodelle für Europa deutlich belastbarer, und dann verrät der Polarwirbel, welchen Winter der stille Atlantik uns eingebrockt hat. Ich schaue genau dorthin – und halte Sie auf dem Laufenden.