Zwischen Wald und Meer klingt die Musik des meistgespielten lebenden Komponisten

Ein winziger Ort westlich von Tallinn ist die Wahlheimat von Arvo Pärt und Sitz eines ihm gewidmeten Museums. Auf der unberührten Halbinsel im Nordwesten Estlands erzählt es vom Leben und Werk des berühmten Musikers.

Diese Halbinsel ist die Wahlheimat des berühmten Komponisten und Sitz des Arvo Pärt-Zentrums. Foto: Adobe Stock
Diese Halbinsel ist die Wahlheimat des berühmten Komponisten und Sitz des Arvo Pärt-Zentrums. Foto: Adobe Stock

Es beginnt mit einem Triumph: Auf der Leinwand wird Arvo Pärt 2018 nach der Aufführung seiner Dritten Symphonie in der Royal Albert Hall stürmisch gefeiert. Ein Schnitt führt in die schwarzweiße Vergangenheit: In Paide im ländlichen Estland wird am 11. September 1935 ein Knabe geboren. Schon im Kleinkindalter hört er den ganzen Tag Musik aus einem rauschenden Radio und bearbeitet das - beschädigte - elterliche Klavier.

Der Film über Pärts Leben ist ausschließlich hier zu sehen, im Arvo-Pärt-Zentrum, das 35 Kilometer westlich von Tallinn in Laulasmaa am Anfang einer Halbinsel im Pinienwald versteckt liegt.

Später zieht die Familie nach Rakvere nahe der Nordküste, wo Pärt aufwächst. Ab 1957 studiert er am Konservatorium in Tallinn Komposition. Er wird Ton-Ingenieur und schreibt Filmmusik. Mit seiner Zwölftonmusik und der religiösen Dimension seiner Arbeit erregt er - nicht unbeabsichtigt - das Missfallen der sowjetischen Kulturfunktionäre. Denn Estland ist bereits seit 1940 eine Sowjetrepublik.

Erlösung aus der Schaffenskrise

Ende der sechziger Jahre sucht Pärt nach einer neuen musikalischen Sprache. Aus der Schaffenskrise kehrt er 1976 mit dem Klavierstück „Für Alina" zurück: Er hat seinen Stil gefunden. Dass er mittlerweile der russisch-orthodoxen Kirche angehört, macht seinen Umgang mit der sowjetischen Obrigkeit nicht leichter.

Im Januar 1980 wird er ausgewiesen und reist mit seiner Familie nach Wien. Er wird Österreicher, lebt ab 1981 in Berlin, wird international mit Auszeichnungen überhäuft und kehrt 2010 für immer nach Estland zurück. Heute lebt er wenige Schritte von dem Konzertsaal des Pärt-Zentrums entfernt, in dem der Film sein Leben erzählt, und ist der meistgespielte lebende Komponist der Welt.

Ein Museum ohne rechte Winkel

Der eckige Bau mit fünf fünfeckigen Innenhöfen soll laut dem spanischen Architekten-Duo Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano die Ruhe, Klarheit und harmonischen Strukturen der Musik Pärts spiegeln. Es kommt auf einer Fläche von 2348 Quadratmetern ohne rechte Winkel aus und besteht ganz aus Holz, Glas und Beton.

Das Zentrum beheimatet Pärts persönliches Archiv mit Partituren, musikalischen Tagebüchern und Fotos; eine Bibliothek mit seinen Noten, Kunstbüchern und religiöser Literatur; den Konzertsaal aus Holz mit einem Flügel und 150 Plätzen, Räume für Meisterklassen und die Ausstellung über sein Leben und Werk.

Steilküste und Leuchtturm im ehemaligen Sperrgebiet

Neben der faszinierenden Geschichte des Komponisten, der zu den wichtigsten lebenden im Bereich der Neuen Musik zählt, fesselt auch der Bau selbst.

Der Leuchtturm von Paldiski ist mit 52 Metern der höchste in Estland. Foto: Adobe Stock
Der Leuchtturm von Paldiski ist mit 52 Metern der höchste in Estland. Foto: Adobe Stock

Im größten Innenhof befindet sich eine orthodoxe Kapelle, ein Turm mit Aussichtsplattform öffnet den Blick über Wald und Meer bis zur Stadt Paldiski auf der nächsten Halbinsel.

Während der Sowjetzeit war die Stadt militärisches Sperrgebiet, heute besitzt sie mit ihrer 24 Meter hohen Steilküste und dem mit 52 Meter höchsten Leuchtturm des Landes besonderen Reiz.