Wolken, Schafe und Narzissen: Im Norden Englands wirken die Zauberkräfte der Natur
Der Lake District ist ein Naturparadies. Seine Landschaft aus Seen und Bergen liebten auch berühmte Dichter wie William Wordsworth. Heute kann man auf ihren Spuren wandern - zum Beispiel auf dem Osterglocken-Pfad.

„What happy fortune were it here to live“, schwärmte William Wordsworth, als er im Herbst 1799 mit seinem Freund Samuel Taylor Coleridge von See zu See wanderte, dem Lauf der Wolken folgte und Schafe und Narzissen betrachtete: Welch glückliches Schicksal wäre es, hier zu leben!
Der Vordenker der englischen Romantik wusste, wovon er sprach. Schließlich war er 1770 im Lake District geboren worden und hatte seine Kindheit hier verbracht. Bald nach diesem ersten Besuch als Erwachsener verwirklichte er seinen Traum vom Leben in Englands Bergwelt, die damals vor allem eins war: Wildnis.
Viel Lektüre, wenig Essen
Ein Cottage an der Straße nach Ambleside hatte es ihm angetan. Wenige Jahre zuvor war es als Pub „The Dove and Olive“ noch Anlaufstelle für Zecher und Reisende gewesen. Nun stand es leer, und so konnte Wordsworth „Dove Cottage“ für acht Pfund pro Jahr mieten – damals allerdings nicht der Spottpreis, den heute jeder gerne überbieten würde.
Zudem war der Dichter noch eher vielversprechend als vermögend, und so führten er und seine Schwester Dorothy hier ein Leben bei viel Lektüre, frischer Luft und wenig Nahrung. „Plain living but high thinking“ nannte er das: einfach leben, hochfliegend denken.
Nur Daniel Defoe gefiel es hier nicht
Nachdem Wordsworth ihn berühmt gemacht hatte, wurde er zum Trend-Ziel für naturverbundene Intellektuelle. Hatte Daniel Defoe 1725 noch festgestellt, dass hier oben der angenehme Teil Englands zu Ende sei, verbrachten spätere Lake-Literaten hier schon als Kinder die Ferien.
Schon seit 1891 ist Dove Cottage der Öffentlichkeit zugänglich. Einrichtung und Atmosphäre sind so authentisch erhalten, dass Besucher sich das Leben im Häuschen leicht vorstellen können. Einfache, schwere Möbelstücke zeigen, wo und wie Wordsworth schlief und aß. Einen Schreibtisch brauchte er nicht – als echter Romantiker erledigte er seine Geistesarbeit in freier Natur.
Wandern und träumen auf dem Osterglocken-Pfad
Heute gehört sogar ein Narzissen-Pfad zum Anwesen, der derzeit in allen Tönen von Gelb leuchtet - in Anlehnung ans das berühmteste Gedicht Wordsworths, das er 1804 verfasste. In „I Wandered Lonely As a Cloud" (Ich wanderte einsam wie eine Wolke) beschreibt der Dichter, wie sich seine Einsamkeit bei einem frühlingshaften Spaziergang in Glück verwandelt - als unverhofft „ein Meer von goldenen Narzissen" vor ihm aufleuchtet.
Auch Dorothy schrieb Literaturgeschichte
Wordsworts Schwester Dorothy schaffte mit ihren „Grasmere Journals“, die noch heute viele Lake District-Wanderer in ihren Rucksack packen, selbst den Sprung in die Literaturgeschichte.
In den folgenden Jahren, als außer den beiden Geschwistern auch Williams Frau Mary, die er 1802 geheiratet hatte, sowie Marys Schwester und die ersten drei Wordsworth-Kinder in Dove Cottage wohnten, entstanden die größten Werke des Dichters.