Wüstenstrom aus Marokko
Im Süden Marokkos hören befestigte Straßen oft sehr plötzlich auf. Man erreicht den Rand Sahara mit Wegen aus Geröll und Gestein in einer kargen Landschaft unf könnte meinen, dass man das Ende der Welt erreicht hat. Genau hier soll eines der größten Energieprojekte entstehen, die Europa je geplant hat.

Die Planer von Sila Atlantik arbeiten intensiv daran, auf 1500 Quadratkilometern Solar- und Windparks mit 15 Gigawatt Leistung aufzubauen. Entsprechend große Batteriespeicher dürfen bei einem solch Projekt nicht fehlen. Und das Highlight: mit zwei Gleichstromkabeln und eine Leistung von zusammen 3,6 Gigawatt soll der Strom aus der Sahara 4800 Kilometer weit über den Meeresboden bis nach Deutschland geleitet werden.
Die geschätzten Projektkosten belaufen sich auf etwa 40 Milliarden Euro. Das Projektunternehmen geht davon aus, dass Mitte der 2030er-Jahre über das erste Kabel Strom geliefert wird. Mit dem zweiten Kabel wird im Jahr 2038 gerechnet, wenn in Deutschland das Zeitalter der Kohle endet.
Thies Clausen leitet bei Sila Atlantik den Bereich Kommunikation. Ihm ist bewusst, dass ein Projekt dieser Größenordnung durchaus große Risiken mit sich bringt. In der österreichischen Tageszeitung DER STANDARD sagte er dazu:
Leistungsdynamik
Das Konzept hinter dem Projekt basiert aus technischer Sicht auf einer Logik, die mit dem „Ertrag“ von Solarenergie zusammenhängt. Ein Quadratmeter eine Photovoltaikzelle im Süden Marokkos empfängt im Jahr etwa doppelt so viel Sonnenenergie als ein PV-Quadratmeter in Mitteleuropa.
Platz in der Südsahara reichlich vorhanden. Und Nachbarn, die sich an einem Projekt mit einer derartigen Dimension stören könnten, gibt es kaum.
Von alten Ideen
Schon vor 20 Jahren gab es Ansätze zur Erzeugung von Wüstenstrom aus der Sahara. Der deutsche Physiker Gerhard Knies markierte seinerzeit ein rotes Quadrat von 130 mal 130 Kilometern in eine Karte der Wüste. Seine Kalkulation: Solarkraftwerke auf dieser Fläche könnten ganz Europa mit sauberem Wüstenstrom versorgen.
Leider gab die Geschichte nicht recht. Die Industrieinitiative DESERTEC und die gleichnamige Stiftung zerstritten sich. Zahlreiche Projektbeteiligte stiegen aus. Die einst gefeierte Vision wurde zu einem Symbol für den Versuch einer weiteren Ausbeutung afrikanischer Ressourcen durch europäische Konzerne.
Auch die PV-Technologie überholte das Konzept im Rekordtempo, denn PV-Elemente wurden innerhalb weniger Jahre um über 90 Prozent günstiger. Das Projekt DESERTEC basierte hingegen auf solarthermische Kraftwerke.
Auch der Traum des britische Unternehmers Simon Morrish aus dem Jahr 2021 platzte wie eine Seifenblase. Mit seiner Firma Xlinks wollte Morrish in Marokko riesige Solar- und Windkraftanlagen errichten. Der Strom sollte über ein fast 4000 Kilometer langes Unterseekabel bis nach Großbritannien durchgeleitet werden.
Die britische Regierung zerstöre den Traum des Unternehmers, denn sie verweigerte eine 25 Jahre dauernde Preisgarantie. Dadurch wurde die Finanzierungsgrundlage des Vorhabens begraben.
Das Ende des Projektes bedeutete jedoch nicht das Ende der Idee, denn mit Sila Atlantik soll der Strom nun in Deutschland statt in Großbritannien ankommen. Hinter den Investoren von Sila Atlantik steht unter anderem auch ein Unternehmen, das bereits am britischen Xlinks-Vorhaben beteiligt war. Auch deutsche Energiekonzerne gehören zu den strategischen Investoren.
Warum kann es dieses Mal funktionieren?
Europa ist in den letzten Jahren seine Energieabhängigkeit sehr deutlich bewusst geworden. Der Krieg in der Ukraine, aber auch der Krieg im Iran sowie im gesamten öl- und gasreichen Nahen Osten hat Europa deutlich gemacht, wie verwundbar unsere Energiesituation ist.
Hinzukommt, dass Photovoltaik in den letzten Jahren nicht nur sehr günstig geworden ist, sondern dass bei der Technologie der Solarzellen weitere Verbesserungen gab. Hinzu kommen die Entwicklungen, der netzbasierten Batteriespeicher.

Thies Clausen von Sila Atlantik betonte im STANDARD, dass das Problem der Energiewende heute nicht mehr in den Kosten für die Stromerzeugung liege, sondern an deren Zuverlässigkeit.
Genau diese Zuverlässigkeit will Sila Atlantik liefern. Eine PV-Anlage in Deutschland liefert rechnerisch nur rund 1000 von 8760 Stunden im Jahr unter Volllast. Mit dem Kabel aus Marokko sollen 7000 Stunden unter Volllast an Energie geliefert werden. Möglich wird diese Steigerung der Energielieferung durch Sonne, Wind und Batterien im Zusammenspiel.
In Bezug auf den alten Vorwurf der Ausbeutung betonte Clausen dass Sila Atlantik „als Projekt auf Augenhöhe mit intensivem Austausch zwischen marokkanischen und europäischen Akteuren entsteht".
Gegenverkehr
Clausen zählte im STANDARD auf, was Marokkos Volkswirtschaft von dem Megaprojekt hätte. So würden zehntausende Jobs in der Bauphase entstehen, und das mitten in einer der strukturschwächeren Gegenden des Landes. Hinzu käme, dass der grüne Strom aus der Anlage natürlich auch in das marokkanische Netz geliefert werde.
Die marokkanische Region in Rabat forderte allerdings weitere Zusagen. Im Juli 2026 berichtete Reuters, dass die Gespräche ins Stocken geraten seien. Marokko verlange ein Regierungsabkommen mit Garantien aus Berlin und wolle Strom in beide Richtungen. Im August kam dann die Annäherung. Die marokkanische Energieministerin Leila Benali signalisierte Berlin schriftlich Unterstützung, und die Entwickler sagten zu, die Leitung in beide Richtungen zu öffnen.
Damit hat Sila Atlantik ein Etappenziel erreicht, dass rund ums Mittelmeer in anderen Projekten längst in Umsetzung ist. So soll vom tunesischen Kap Bon ab 2028 das Kabel Elmed nach Sizilien führen. Das Projekt Gregy soll wiederum Ägypten mit Athen verbinden. Weiterhin ist eine Verbindung zwischen Israel, Zypern und Griechenland in Bau.
Ein mediterranes Netz
Wie so ein Netz in der Praxis funktioniert, kann man an der Straße von Gibraltar sehen. Seit Jahrzehnten verbinden bereits Stromleitungen die beiden Länder Spanien und Marokko. Über viele Jahre floss marokkanischer Kohlestrom nach Norden. Als Ergebnis des spanischen Solarbooms hat sich die Richtung umgekehrt. Zu lieferte im Jahr 2025 Spanien das vierte Jahr in Folge mehr Strom nach Marokko als umgekehrt.
Marokko kauft immer dann zu, wenn spanischer Sonnenstrom billiger ist als der aus den eigenen Kohlekraftwerken. In Nordafrika gibt es noch eine sehr deutliche Dominanz von Energieerzeugung aus fossilen Brennstoffen. Je nach Staat liegt deren Prozentsatz zwischen 74 Prozent für Marokko und 100 Prozent für Libyen.
Die große Vision des Desertec-Visionärs Gerhard Knies könnte also ein Happy-End haben. Statt des großen Sonnenkraftwerks in der Sahara könnte womöglich ein Stromnetz werden, das Afrika und Europa miteinander verbindet. Wichtig ist dabei, dass die Energie sowohl nach Norden als auch nach Süden fließt.
Artikelreferenz
Sila-Atlantik. Details des Projektes von Wüstenstrom aus Marokko?.