Von Elektrostaaten und fossilen Staaten
Am 14. Februar ging die Münchner Sicherheitskonferenz zu Ende. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz forderte, dass Europa sich auf sich selbst besinnen müsse. Außerdem habe sich zwischen Europa und den Vereinigten Staaten ein tiefer Graben aufgetan.

Dieser Graben bezieht sich allerdings nicht auf die Bereiche Energie, Mobilität und Gebäude, denn dort hat in Europa eine Wende stattgefunden, die den Weg fossiler Abhängigkeiten fortsetzt.
Dies entspricht genau dem Wunsch der USA, für die ihr Präsident die regenerativen Energien und die Elektromobilität zu einem völlig falschen Weg erklärt hat. Jede Aussage zu „tiefen Gräben“ greift folglich auf diesen Gebieten zu kurz, denn hier besteht ein starkes Band.
Die ZEIT hat ein bemerkenswertes Interview mit Kingsmill Bond geführt, in dem dieser aufzeigt, wie groß die Kluft zwischen Europas Anspruch und der energiepolitischen Realität tatsächlich ist. Bond ist Energiestratege beim Londoner Think Tank Ember. Zuvor analysierte er für Carbon Tracker und das Rocky Mountain Institute die globale Energiewende.
Der Analyst beobachtet seit mehr als 30 Jahren Finanzmärkte und Energiepolitik – und seine Meinung über den Weg, den Europa geht, ist ernüchternd.
Von Elektrostaaten
Europa ist nach Bonds Meinung ein Kontinent, der seine eigene Revolution nicht nutzt. Der Analyst hat hat ein Konzept geprägt, das die Debatte komplett verändern könnte: den Elektrostaat.
Hinter diesem Begriff steht das Konzept eines Landes, das seinen Strom erneuerbar erzeugt und gleichzeitig seine gesamte Volkswirtschaft elektrifiziert, also Heizung, Verkehr und Industrie.
Für 75 Prozent der Weltbevölkerung, deren Länder auf den Import von fossilen Energieträgern setzen, sei das Konzept eines Elektrostaates laut Bond die einzige rationale Zukunft.
Und der europäische Weg?
Europa sollte auf diesem Weg vorne liegen, denn schließlich hat der Prozess gerade in Europa seinen Anfang genommen. Bei der Dekarbonisierung der Erzeugung von Strom ist unser Kontinent tatsächlich in einer hervorragenden Position. Immerhin kommen 70 Prozent der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, wobei Atomstrom in dieser Kategorie beinhaltet ist.
Völlig anders sieht es dagegen bei der Elektrifizierung des tatsächlichen Energieverbrauchs aus. Hier ist Europa eher ein schlechtes Beispiel: Nur 22 Prozent der verbrauchten Endenergie werden aus Strom generiert.
Europa gilt als Vorreiter der Elektrotech-Revolution und habe diese zu großen Teilen mitfinanziert. Vom Nutzen dessen profitieren aber derzeit andere Staaten.
Schmerzhafte Wahrheit
Die Diagnose von Kingsmill Bond ist so simpel wie schmerzhaft: Die Steuer- und Abgabenbelastung von Strom ist in vielen Staaten viel höher als die steuerliche Belastung der Verwendung von fossilem Gas.
Wenig überraschend verlangsamt diese Tatsache die Elektrifizierung im Vergleich zu Staaten ohne fossile Abhängigkeiten. Einige Staaten hätten erkannt, dass hier ein Paradigmenwechsel notwendig sei. Als Beispiel gilt Dänemark, wo man mittlerweile die Stromsteuer abgeschafft hat.
Deutschland - als Negativbeispiel
Deutschland gilt in Europa als Beispiel für eine komplett gegensätzliche Entwicklung. Das Land hat Milliarden an Subventionen dafür verwendet, um erneuerbare Energien voranzubringen.
Im Gegensatz dazu wurde der Strompreis so teuer gemacht, dass die Elektrifizierung von Wärme und Mobilität bis heute nicht in Gang kommt.
Wer eine Wärmepumpe betreiben will, zahlt heftig drauf. Auch wer sein Elektroauto außerhalb seiner eigenen vier Wände laden will, wird mit hohen Preisen zur Kasse gebeten.
Eine Frage der Altlasten
Nach Ansicht des Analysten bestehen in Europa auch politische Altlasten. Die Wasserstoffstrategie verschlingt zu viel Fördergeld in Bereichen, bei denen eine direkte Elektrifizierung drei- bis fünfmal effizienter wäre.
Wasserstoffbusse deutscher Stadtwerke seien dafür ein Paradebeispiel. Die Betreiber stellen nach und nach fest, dass die Betriebskosten ein Vielfaches der batterie-elektrischen Alternative betragen.
Dagegen wird das Thema Grüner Wasserstoff als Lösung für Anwendungsgebiete gesehen, bei denen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten keine betriebswirtschaftliche Rentabilität gegeben ist.
Auch das Thema der Kohlenstoffabscheidung und - speicherung (Carbon Capture and Storage, oder CCS) hat eine ähnlich verzögernde Wirkung auf die Diskussion um einen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern.
Solange CCS in der politischen Welt als Option nur immer wieder thematisiert wird, haben die fossilen Akteure eine gute Ausrede, nicht zu elektrifizieren.
Energie-Souveränität: Die Welt wartet nicht
Während Europa mit sich selbst beschäftigt ist, elektrifiziert der Rest der Welt mit beeindruckendem Tempo. China ist dabei der klare Anführer und Favorit, als erstes Land den Status eines Elektrostaats zu erreichen.
Aber die eigentliche Überraschung liegt woanders: Indien, das bevölkerungsreichste Land der Erde, hat bereits 20 Prozent seiner Endenergie elektrifiziert. Das Land etabliert einen Entwicklungspfad, dem andere Schwellenländer bald folgen können.
Südostasien liegt bereits bei 23 Prozent – und hat Europa damit schon überholt. Vietnam gehört zu den wenigen Ländern weltweit, die bei Dekarbonisierung und Elektrifizierung gleichzeitig Tempo machen.
Selbst für Subsahara-Afrika zeichnet sich ab, dass sie die fossile Phase hinter sich lassen könnten - und das in einer Region, die wirtschaftlich hinter Indien liegt.
Immerhin hat gerade der afrikanische Kontinent die Technologie von Festnetzleitungen übersprungen und wechselte direkt zum Mobilfunk und zur Digitalisierung.
Diesmal könnten es Gaspipelines und Kohlekraftwerke sein, die nie gebaut werden. Für viele dieser Länder ist der Weg einfacher als für Europa – gerade weil sie keine politischen Altlasten mitschleppen: Keine Gaslobby, kein nicht durchdachter Masterplan für Grünen Wasserstoff und keine CCS-Debatte.
Eigentlich ein ermutigendes Signal für das abwartende Europa, wenn es sich denn endlich dazu entschließen könnte, die Folgen der menschengemachten Treibhausgasemissionen ernst zu nehmen.
Stattdessen folgt Europa dem Irrweg von Donald Trump und den Ländern, deren Volkswirtschaften auf Öl und Gas setzen. LNG-Verträge binden Europa für Jahrzehnte. Ihnen folgt eine Gasinfrastruktur, die Investitionen weiter auf fossilen Technologien konzentriert.
Es wäre so einfach….
Bonds Empfehlung ist in bestechender Weise klar und einfach:
China, Schweden und Norwegen machen es vor. Europa hat bereits ein wichtiges Fundament: 70 Prozent erneuerbarer Strom. Was nun noch fehle, sei der politische Wille, einen Souveränitätskurs für Europa für die gesamte Endenergie konsequent umzusetzen.
Damit bekommen die Worte von Friedrich Merz einen anderen Sinn: Ja, Europa muss sich auf sich selbst besinnen. Das bedeutet mehr als nur militärische Aufrüstung. Es bedeutet vor allen Dingen konsequente Elektrifizierung mit dem Ziel, den Kontinent so rasch wie möglich zu dekarbonisieren.