Ikonische Umverpackungen vor dem Aus!
Wer hat es nicht schon probiert: Packung aufreißen, rausdrücken, reinbeißen: Produkte der Marke Bifi zählen zu den bekanntesten Wurstsnacks in Deutschland. Die schnellen Snacks sind gut haltbar und entsprechen dem Zeitgeist nach schneller, einfacher Ernährung. Durch möglich neue Auflagen droht Wurstsnacks und anderen Produkten ein unfreiwilliges Ablaufdatum.

Ein weiteres Beispiel sind die auch bei uns bekannten Manner-Keksschnitten. Auch bei denen geht es schnell und einfach: am roten Faden der Verpackung ziehen, knicken, abbrechen - und reinbeißen.
Seit mehr als 100 Jahren ist Manner untrennbar mit seiner rosa Verpackung im handlichen Taschenformat verbunden. Ein Minimum an Material bewahrt die Schnitten vor dem Zerbrechen und schützt ihre Knusprigkeit.
Auch die leckeren Schnitten könnten künftig eine neue Verpackung erhalten.
Weit reichende Maßnahmen
Die gesamte Industrie der „quick and easy“ - Produkte wie Bifi oder Manner sucht mit Hochdruck nach neuen Lösungen für Hüllen und Folien und stößt dabei an die Grenzen der Machbarkeit.
Auslöser der hektischen Betriebsamkeit ist die neue EU-Verpackungsverordnung PPWR. Sie trat im Vorjahr in Kraft, gilt ab August 2026 verbindlich und wird ab 2030 auch für Konsumenten sichtbar.
Ihr Ziel ist es, wachsende Müllberge zu reduzieren und die Kreislaufwirtschaft zu stärken. In der Praxis bedeutet das: jede Verpackung muss wiederverwertbar sein.
Zahlreiche kurzlebige Einweggebinde aus Plastik werden verboten. Überflüssige Luft aus angeblichen Transportgründen darf es nicht mehr geben. Hinzu kommt noch, dass Kunststoffverpackungen ein Mindestmaß an recycelten Materialien enthalten müssen.
Zu viele Folien
Über die Messbarkeit des ökologischen Fußabdrucks von ein paar Bissen Wurst oder einer Keksschnitte umhüllt von Plastik gibt es natürlich keine Angaben - und man kann darüber auch lange diskutieren.
Die Politikerinnen und Politiker in Brüssel zeigen jedoch bei ihrer Absicht der Umsetzung keine Nachsicht oder Rücksicht auf bisherige Gewohnheiten der Verbraucher.
Es geht ausschließlich um die Art der Verpackung. Wurstsnacks stecken in bis zu drei Folien aus Kunststoff und Aluminium. Diese unterschiedlichen Schichten dienen als Barriere gegen Sauerstoff, Wasserdampf und Licht. Sie erschweren oder verhindern aber das Recyceln und sind daher aus dem Markt zu verbannen.
Europaweite Auswirkungen
Für viele Hersteller bedrohen die möglichen Folgen der Umsetzung der PPWR das gesamte Geschäftsmodell. Sie sehen sich nicht als grundsätzliche Gegner einer verbesserten Nachhaltigkeit und einer Reduzierung des Verpackungsmülls. Allerdings sehen sie mit großer Skepsis, was auf ihre jeweilige Branche zukommt und bezeichnen die Konsequenzen als „…schlichtweg katastrophal“.
Der Chef eines österreichischen Unternehmens, bei dem der bekannte Wurstsnack Knabber Nossi hergestellt wird, bezeichnete deren Verpackung im Gespräch mit der österreichischen Tageszeitung DER STANDARD als alternativlos. Er sehe aus Gründen der Lebensmittelsicherheit und der Qualität keine Verpackungsalternative.
Der Mehrwert der Knabber Nossi, der sie von anderen Fleischwaren unterscheide, sei ihre lange Haltbarkeit außerhalb der Kühlkette. Mit der Entscheidung in Brüssel werde der Marke die Existenzberechtigung entzogen.
Auch bei Manner rauchen die Köpfe. Das Band zum Öffnen des Kekspäckchens steht ebenso mit der EU-Direktive in Konflikt wie die etablierte Hülle aus Papier und Aluminium. Diese ist Teil des Produkts und hat damit selbst Kultstatus.
Härtetest für roten Faden
Manner berichtet auf Nachfrage des STANDARD von hohen Investitionen und mehrjährigen Vorlaufzeiten bei Lieferanten. Dafür sei Rechtssicherheit notwendig und nicht die ständige Unsicherheit, ob die Verordnung am Ende oder verschoben werde. Der Wiener Süßwarenhersteller arbeitet bereits an neuen Verpackungskonzepten für die Zukunft – mit und ohne roten Aufreißfaden.
Alles in Butter?
Große Veränderungen kommen auch auf Molkereien zu. Besonders betroffen von der neuen Verordnung sind Butterfolien. Der Verbund aus Aluminium, Kunststoff und Wachspapier macht sie aufgrund für die EU nicht länger tragbar, da diese Materialien in Kombination nicht recyclingfähig sind. Die Milchwirtschaft prüft alle Optionen, um die Verpackung zu verändern und der neuen Verordnung anzupassen.
Die Firma Circular Analytics berät Industrie und Handel bei der Umstellung. Der Chef des Unternehmens, Dr. Manfred Tacker, hat gegenüber dem STANDARD betont, dass intensiv an alternativen Verpackungen geforscht wird. Diese könnten ähnliche Eigenschaften wie bisherige besitzen. Einschränkungen seien dennoch möglich, besonders, wenn es um die Haltbarkeit von Lebensmitteln geht.
Der EU-Verordnung gingen jahrelange Abstimmungen, eine Flut von Stellungnahmen und starkes Lobbying von allen Seiten voraus. Das Ergebnis sei nach der Meinung von Tacker ein Kompromiss, bei dem die Industrie ebenso Abstriche machen müsse wie die Kreislaufwirtschaft.
Eine große Hürde stellt vor allem der verpflichtete Anteil an Rezyklat in Kunststoffverpackungen für Nahrungsmittel dar. Diese Umstellung könnte zu Materialknappheiten führen und sei teuer. Strenge Regularien der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit seien damit schwer vereinbar.
Brüssel hat sich allerdings eine Hintertür offengelassen: Fehlt es bei Sekundärrohstoffen an nötiger Technologie und ausreichend Menge, kann die Frist zur Umstellung verlängert werden.
Fußabdrücke messen
In vier Jahren gehören auch Mini-Fläschchen für Shampoo und Duschbad in Hotelbadezimmern der Vergangenheit an. Beherbergungsbetriebe müssen auf nachfüllbare Spender umstellen.
Auch leichte Tragtaschen aus Kunststoff sind dann Geschichte. Der Handel darf frisches Obst und Gemüse mit weniger als eineinhalb Kilo nicht länger in Einwegplastik offerieren.
Gastronomen müssen auf kleinste Portionen an Marmelade, Ketchup, Zucker und Milch in Kunststoffverpackungen verzichten.
Ob der ökologische Fußabdruck damit steigt oder sinkt, werden sicherlich neue Studien zeigen. Sicher ist nur, dass die Verordnung die enormen Mengen an nicht-recyclingfähigem Plastikmüll reduziert. Insofern wird die neue Verordnung das Ziel einer Kreislaufwirtschaft stärken.