Europa unter Hitzestress: Warum Extremhitze allmählich zum Systemrisiko wird

Die außergewöhnliche Hitzewelle im Juni 2026 stellte in weiten Teilen Europas neue Temperaturrekorde auf. Jüngste Analysen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) zeigen nun, dass Klima, Infrastruktur, Energieversorgung und Gesundheit inzwischen sehr eng miteinander verknüpft sind.

Wenn Schienen oder Gleisbett Schaden nehmen, kann es zu stundenlangen Haltezeiten mitten auf der Strecke kommen – oft in gefährlich aufgeheizten Zügen. Bild: C D-X/Unsplash
Wenn Schienen oder Gleisbett Schaden nehmen, kann es zu stundenlangen Haltezeiten mitten auf der Strecke kommen – oft in gefährlich aufgeheizten Zügen. Bild: C D-X/Unsplash

Die Hitzewelle im Juni 2026 gehört nach Einschätzung von Forschenden zu den außergewöhnlichsten Extremereignissen der europäischen Wettergeschichte. Zwischen dem 13. und 29. Juni litten weite Teile West-, Mittel- und Südeuropas unter außergewöhnlich hohen Temperaturen, die vielerorts historische Höchstwerte erreichten. Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC geht von 10.000 zusätzlichen Todesfällen in diesem Zeitraum aus. Das Statistische Bundesamt hat nun Zahlen vorgelegt, nach denen allein in Deutschland in den letzten beiden Juniwochen 8300 Menschen mehr gestorben sind, als für diesen Zeitraum üblich.

Auch infrastrukturell bereitete die Hitzewelle große Probleme: So mussten etwa Ende Juni in der Bretagne zeitweise bis zu 120.000 Haushalte ohne Strom auskommen. Und auch die jüngste Wetterlage zwingt Frankreich dazu, zehn seiner Atomreaktoren abzuschalten bzw. zu drosseln.

Ein interdisziplinäres Team des Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat darum nun untersucht, wie sich Extremhitze gleichermaßen auf Umwelt, Infrastruktur, Energieversorgung und Gesundheit auswirkt. Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass sich langanhaltend hohe Temperaturen bereits jetzt gesellschaftlich bemerkbar machen.

Rekorde in bisher unbekanntem Ausmaß

Auslöser der Extremhitze im Juni war eine blockierende Großwetterlage, die den Zustrom subtropischer Warmluft über viele Tage hinweg begünstigte. Dadurch wurden in zahlreichen Ländern neue Temperaturrekorde gemessen. Besonders betroffen waren Frankreich mit fast zehn aufeinanderfolgenden Tagen über 40 Grad sowie Deutschland mit drei Tagen jenseits dieser Marke.

Nicht allein die Schifffahrt leidet unter den niedrigen Pegeln. Auch für Privathaushalte kann Wasserknappheit fatale Folgen haben, etwa wenn gefährliche Krankheitserreger ins Trinkwasser gelangen. Bild: Dirk Röhrig/Unsplash
Nicht allein die Schifffahrt leidet unter den niedrigen Pegeln. Auch für Privathaushalte kann Wasserknappheit fatale Folgen haben, etwa wenn gefährliche Krankheitserreger ins Trinkwasser gelangen. Bild: Dirk Röhrig/Unsplash

„Die Hitzewelle hat nicht nur Rekorde gebrochen – sie tat dies zeitgleich über einen ungewöhnlich großen Teil Europas hinweg“, sagt Professor Michael Kunz vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung des KIT. „Allein in Deutschland wurden an 252 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) neue Allzeitrekorde der Tageshöchsttemperaturen verzeichnet.“

Hitze zunehmend ein Systemrisiko

Flüsse und Seen erwärmten sich ungewöhnlich früh im Jahr. Niedrige Wasserstände, Sauerstoffmangel und hohe Wassertemperaturen belasteten zahlreiche Gewässer. „Im Bereich der Obermosel sank der Sauerstoffgehalt zeitweise auf nur noch 2,6 Milligramm pro Liter; vorher lag er bei rund sechs Milligramm pro Liter“, erklärt Kunz. „Gleichzeitig überschritten Rhein und Mosel eine Wassertemperatur von über 28 Grad.“ Solche Entwicklungen gefährden Ökosysteme, beeinträchtigen die Schifffahrt und schränken die Nutzung der Flüsse als Kühlwasserquelle für Industrie und Energiewirtschaft ein, sagt der Experte.

Straßen wurden durch aufgeplatzte Betonfahrbahnen sowie durch ausgeweichten Asphalt ebenfalls beschädigt. Schienen verformten sich und beeinträchtigten den Bahnverkehr in mehreren Ländern.

Bei der Hitzewelle Ende Juni gab ein Transformator in einem französischen Umspannwerk den Geist auf – 120.000 Haushalte waren zeitweise ohne Strom. Bild: Photomat/Pixabay
Bei der Hitzewelle Ende Juni gab ein Transformator in einem französischen Umspannwerk den Geist auf – 120.000 Haushalte waren zeitweise ohne Strom. Bild: Photomat/Pixabay

Problematisch war auch die Stromversorgung. In Rüsselsheim etwa waren über vier Tage lang bis zu 5000 Haushalte gleichzeitig ohne Strom. Örtlich hatte sich der Boden so sehr aufgeheizt, dass sich die Kabelmuffen verformten. Die Feuerwehr maß in 60 Zentimetern Tiefe teils bis zu 43 Grad, bei Kabelmuffen, die nur für 40 Grad ausgelegt sind. Die technischen Defekte führten dann zu Spannungsspitzen im Netz, was Kettenreaktionen an nachgeschalteten Stationen auslöste.

Die Energieerzeugung spielt dort ebenfalls mit rein. „Während die Photovoltaikproduktion in Deutschland im Untersuchungszeitraum vom 13. bis 29. Juni um rund 31 Prozent zunahm, ging die Windstromerzeugung gleichzeitig um fast 29 Prozent zurück.“ Kommen solche Veränderungen mit niedrigen Flusspegeln und hohen Kühlwassertemperaturen zusammen, die den Betrieb thermischer Kraftwerke einschränken, würden mehrere Versorgungssysteme gleichzeitig belastet werden.

„Hitze erzeugt Kaskadeneffekte“, erklärt Kunz. Das sind Ereignisketten, die immer mehr automatische Folgestörungen nach sich ziehen. Kunzes schlussfolgert, dass es auf genau diese Wechselwirkungen künftig ankommen wird: „Anhaltende Hitze ist ein Systemrisiko für Europa.“