Die Klimakrise wird zur globalen Gesundheitskrise erklärt: Wissenschaftler richten einen beispiellosen Appell

Die Wissenschaft fordert die Weltgesundheitsorganisation nachdrücklich auf, die Klimakrise als globale Gesundheitskrise anzuerkennen. Mit dieser Forderung soll erreicht werden, dass die Auswirkungen der globalen Erwärmung international denselben Stellenwert erhalten wie große Epidemien.

In der Wissenschaft werden die Rufe immer lauter, die Klimakrise zum globalen Gesundheitsnotstand zu erklären.
In der Wissenschaft werden die Rufe immer lauter, die Klimakrise zum globalen Gesundheitsnotstand zu erklären.

Seit Jahrzehnten dreht sich die Klimadebatte vor allem um den Schutz von Ökosystemen, die Reduzierung von Emissionen und die Förderung der Energiewende. In der Wissenschaft herrscht jedoch zunehmend Einigkeit darüber, dass der Klimawandel vor allem eine direkte Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellt.

Anhaltende Dürren, immer heftigere Hitzewellen, verheerende Überschwemmungen, Waldbrände und die Ausbreitung von durch Vektoren übertragenen Krankheiten betreffen bereits Millionen von Menschen weltweit.

Vor diesem Hintergrund hat eine Gruppe von Wissenschaftlern der Pan-Europäischen Kommission für Klima und Gesundheit einen beispiellosen Antrag gestellt: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) solle die Klimakrise offiziell zu einem Gesundheitsnotstand von internationaler Tragweite (PHEIC) erklären, so wie sie es bereits bei Ebola, Zika, der Schweinegrippe und COVID-19 getan hat.

Ein beispielloser Appell an die WHO

Dieser Aufruf kommt zu einem besonders bedeutsamen Zeitpunkt. In den letzten Jahren hat die WHO ihren Fokus verstärkt auf den Zusammenhang zwischen Klima und Gesundheit gerichtet, sodass die Weltgesundheitsversammlung – ihr höchstes Entscheidungsgremium – kürzlich einen globalen Aktionsplan verabschiedet hat, um Klimafragen in die internationale Gesundheitspolitik zu integrieren.

Die Paneuropäische Kommission für Klima und Gesundheit ist eine unabhängige Beratergruppe, die von der WHO/Europa einberufen wurde, um die politische Sichtbarkeit, das Bewusstsein und die Unterstützung für entschlossenere Maßnahmen zur Bewältigung der gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels zu stärken.

Die WHO betrachtet den Klimawandel als eines der größten globalen Gesundheitsrisiken der kommenden Jahrzehnte. Sie schätzt, dass er jährlich mehr als 250.000 zusätzliche Todesfälle verursachen wird, und warnt gleichzeitig, dass 71 % der weltweiten Erwerbsbevölkerung bereits extremer Hitze ausgesetzt sind.

Für die Wissenschaftler hinter der Initiative reichen die bisher unternommenen Schritte jedoch nicht aus. Sie argumentieren, dass eine formelle internationale Erklärung des Gesundheitsnotstands dazu beitragen würde, Ressourcen zu mobilisieren, die Maßnahmen der einzelnen Länder zu koordinieren und die Gesundheit in den Mittelpunkt klimabezogener Entscheidungsprozesse zu rücken. Eine solche Maßnahme würde zudem den politischen Druck erhöhen, die Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels und zur Anpassung daran zu beschleunigen.

Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels

Die mit der Klimakrise verbundenen Gesundheitsrisiken sind zahlreich und zunehmend gut dokumentiert. Hitzewellen sind zu einer der unmittelbarsten Bedrohungen geworden. Zahlreichen Studien zufolge führen extreme Temperaturen zu einem Anstieg der Krankenhauseinweisungen aufgrund von Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen und erhöhen die Sterblichkeitsrate während länger andauernder Hitzewellen.

Laut WHO sind weltweit bereits 71 % der Arbeitnehmer extremer Hitze ausgesetzt.
Laut WHO sind weltweit bereits 71 % der Arbeitnehmer extremer Hitze ausgesetzt.

Hinzu kommt die geografische Ausbreitung von Infektionskrankheiten, die durch Mücken und andere Überträger übertragen werden. Krankheiten wie Dengue-Fieber und Chikungunya treten mittlerweile in Regionen auf, in denen sie noch vor wenigen Jahren so gut wie nicht vorkamen. Veränderungen der Klimamuster begünstigen die Ausbreitung dieser Organismen und vergrößern die Risikogebiete.

Die mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbundene Luftverschmutzung ist ein weiteres großes Problem. Viele Experten betonen, dass die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas nicht nur zur globalen Erwärmung beiträgt, sondern jedes Jahr auch Millionen von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht.

Weiterhin stellt die durch Dürren, Ernteausfälle und extreme Wetterereignisse verursachte Ernährungsunsicherheit eine besondere Bedrohung für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen dar. Internationale Organisationen warnen davor, dass die Kombination aus Klimakrise und Ungleichheit die Unterernährung in vielen Regionen der Welt verschlimmern könnte.

Eine globale Herausforderung, die globale Lösungen erfordert

In diesem Zusammenhang zeigt der in Zusammenarbeit mit der WHO erstellte Bericht 2025 Lancet Countdown on Health and Climate Change, dass 12 der 20 Schlüsselindikatoren zur Messung von Gesundheitsrisiken ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht haben, was verdeutlicht, dass „die Untätigkeit im Klimabereich Menschenleben kostet, die Gesundheitssysteme überfordert und die Wirtschaft untergräbt“.

Das sagt Dr. Jeremy Farrar, stellvertretender Generaldirektor der WHO für Gesundheitsförderung sowie Prävention und Bekämpfung von Krankheiten, der erklärt, dass „jeder Bruchteil eines Grads Erwärmung Menschenleben und Existenzgrundlagen kostet“. Farrar macht deutlich, dass „die Untätigkeit im Klimabereich derzeit in jedem Land Menschenleben fordert“.

Infolgedessen ist ein wachsender Teil der Wissenschaft der Ansicht, dass die globale Erwärmung nicht mehr ausschließlich als Umweltproblem betrachtet werden kann, da sich ihre Auswirkungen auf Gesundheitssysteme, Volkswirtschaften und ganze Gemeinschaften erstrecken. Die offizielle Anerkennung als internationaler Gesundheitsnotstand würde lediglich einer Realität einen Namen geben, die bereits weltweit Folgen hat.

Quellenhinweis:

Romanello M, Walawender M, Hsu S et al. The 2025 Lancet Countdown Report on Health and Climate Change: Climate Action Delivers a Lifeline. The Lancet, 2025; 406, 2804–2857. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(25)01919-1/abstract