Der Jujubenbaum, der Odysseus’ Männer der Sage nach das Vergessen lehrte – und die Adelsfamilie Gonzaga begeisterte

Eine unscheinbare Frucht verbindet antike Sagen, italienische Genusskultur und moderne Forschung. Die sagenumworbene Jujube-frucht begeisterte einst sogar die Gonzaga. Doch welcher Baum steckt hinter Homers Erzählung vom großen Vergessen – und was ist über seine Inhaltsstoffe tatsächlich bekannt?

Noch grün und unscheinbar, doch voller Geschichte: Die Jujube begeisterte einst die Gonzaga – eine verwandte Art gilt als mögliche Pflanze hinter Homers sagenhafter Frucht des Vergessens.
Noch grün und unscheinbar, doch voller Geschichte: Die Jujube begeisterte einst die Gonzaga – eine verwandte Art gilt als mögliche Pflanze hinter Homers sagenhafter Frucht des Vergessens.

Manche Früchte haben eine Geschichte, deren Erzählung einem Ohrenschmaus gleichkommt. Die Jujube gehört dazu. Rund um sie begegnen uns antike Erzählungen, die kulinarische Vorliebe einer ganzen italienischen Herrscherfamilie und eine Redewendung für überschwängliche Freude.

Eine Frucht zwischen Genuss und Legende

Die Chinesische Jujube heißt wissenschaftlich Ziziphus jujuba. Sie wird seit Langem als Lebensmittel und in traditionellen Heilpraktiken verwendet.

Ihre Inhaltsstoffe beschäftigen auch die Wissenschaft. Der sagenhafte Gedächtnisverlust von Odysseus’ Gefährten gehört allerdings in eine andere Kategorie.

Im Herbst reifen am Jujubenbaum kleine, ovale Früchte, deren grüne Schale sich nach und nach rötlich braun färbt. Ihr helles Fruchtfleisch schmeckt zunächst eher nach Apfel, mit zunehmender Reife erinnert es an Datteln. Die etwa olivengroßen Jujuben lassen sich frisch genießen oder zu einem süßen, fruchtigen Likör verarbeiten.

Der genügsame Baum bevorzugt sonnige Standorte und kommt auch mit mageren, trockenen Böden zurecht. Sein Laubaustrieb und der spätere Blattfall spiegeln den Wechsel der Jahreszeiten wider.

Homers Lotos: Das süße Vergessen oderdie geheimnisvolle Frucht des Vergessens?

In der Odyssee gelangen Odysseus und seine Gefährten zu den Lotophagen, den Lotosessern. Wer von deren Frucht kostet, verliert den Wunsch, heimzukehren. Stattdessen möchten sie bei den Lotos-Essern bleiben.

Welche Pflanze Homer dabei vor Augen hatte, ist eine Frage botanischer und kulturhistorischer Deutung. Eine Facharbeit über die in der Antike als „Lotos“ bezeichneten Pflanzen diskutiert Ziziphus lotus als Zuordnung des Lotos der Lotophagen. Diese Pflanze ist mit der Chinesischen Jujube verwandt, aber eine eigene Art.

Die Erzählung setzt das Vergessen der Heimat ins Zentrum; doch für die botanische Forschung ist das zentrale Interesse die Pflanze hinter der Erzählung einzuordnen.

Bei den Gonzaga war die stark im Trend Jujuben

Weniger sagenhaft und durch eine schriftliche Quelle belegt ist die Verbindung zur italienischen Genusskultur. Nach einem Beitrag der Accademia Italiana della Cucina waren Jujuben in der Renaissance bei den Köchen italienischer Höfe begehrt.

Die Gonzaga, die Herrscher von Mantua, schätzten die Früchte demnach so sehr, dass sie Jujubenbäume eigens kultivieren ließen.

Ihre Begeisterung ging also so weit, dass sie die Früchte selbst anbauen und intensiv pflegen ließen.

Große Freude – mit Kastanien als Vorläufern

Bis heute steht „andare in brodo di giuggiole“ im Italienischen dafür, vor Freude ganz aus dem Häuschen zu sein. Wörtlich klingt die Wendung ungewöhnlich: „in Jujubenbrühe geraten“.

Romantisch klingt natürlich die Vorstellung, die Redewendung sei bei den Festen der Gonzaga entstanden: ein köstlicher Jujubenlikör, der die Gäste vor Freude ganz aus dem Häuschen brachte. Als Geschichte hat das seinen Reiz.

Die sprachlichen Spuren führen laut Treccani allerdings zu gekochten Kastanien: Aus dem älteren „brodo di succiole“ wurde später „brodo di giuggiole“. Der Jujube blieb damit ein schmeichelhafter Platz in der italienischen Sprache – als Sinnbild höchster Freude.

Runzelige Schale, süßer Genuss: Getrocknete Jujuben erinnern an Datteln. Die Früchte haben eine jahrtausendealte Tradition – heute wecken ihre Inhaltsstoffe auch das Interesse der Forschung.
Runzelige Schale, süßer Genuss: Getrocknete Jujuben erinnern an Datteln. Die Früchte haben eine jahrtausendealte Tradition – heute wecken ihre Inhaltsstoffe auch das Interesse der Forschung.

Interessante Inhaltsstoffe, offene Forschungsfragen

Die Jujube hat mehr zu bieten als alte Geschichten: In ihren Früchten stecken Vitamin C und eine ganze Reihe biologisch aktiver Pflanzenstoffe:

Dazu zählen Flavonoide und andere phenolische Verbindungen, die wegen ihrer möglichen antioxidativen Wirkung untersucht werden. Sie könnten dazu beitragen, Zellen vor Schäden durch aggressive Sauerstoffverbindungen zu schützen.

Hinzu kommen Triterpensäuren und komplexe Kohlenhydrate, sogenannte Polysaccharide.

Die Begeisterung für die Jujube reicht damit längst über ihren Geschmack hinaus – auch ihre Inhaltsstoffe wecken wissenschaftliche Neugier.

Daraus entstehen jedoch keine gesicherten Heilversprechen. Die Autoren betonen ausdrücklich den Bedarf an weiteren klinischen Studien. Die Jujube bleibt damit eine Frucht mit bemerkenswerter Kulturgeschichte und interessanten Forschungsansätzen. Ihre Verbindung zu Genuss und Epos ist gut nachvollziehbar; medizinische Wirkungen beim Menschen müssen sorgfältig geprüft werden.

    Artikelreferenz

    Prigioniero et al.. (2020). Plants named “lotus” in antiquity, erschienen in Harvard Papers in Botany, Band 25, Nr. 1..
    Accademia Italiana della Cucina, Seite 25. (Oktober 2024). Jujubenanbau und Wertschätzung durch die Gonzaga..
    Gao, Wu und Wang. (2013). Zusammensetzung und mögliche gesundheitliche Vorteile der Jujube.
    Treccani„. (abgerufen 13.10.2026). Giuggiola“: Bedeutung und Herkunft der Redewendung..